/ Putnam/Müller - Linguistische Blödeleien über den Solipsismus

Putnam/Müller - Linguistische Blödeleien über den Solipsismus

Allgemeine Links:


Peter Möller

Ein zuweilen interessanter, gleichwohl kritikabler Philosoph, der im Internet ein umfangreiches Archiv geschaffen hat -
dafür sei ihm gedankt

Themenbezogene Links:


Olaf L. Müller
„Wirklichkeit ohne Illusionen oder Der Abschied vom Skeptizismus“



Interne Links:







Putnam/Müller –
Linguistische Blödeleien über den Solipsismus



Gehirn im Tank oder doch Solipsismus?

Ein deutscher Vielosoph namens Olaf L. Müller hat unter dem Titel „Wirklichkeit ohne Illusionen oder Der Abschied vom Skeptizismus“ in Humboldt-Spektrum 3/2005 einen Artikel unter die Leute gebracht, in dem er unter Zuhilfenahme linguistisch-philosophischer Einfälle eines Amerikaners namens Hilary Putnam und einer Rekonstruktion durch einen Schotten namens Crispin Wright im Prinzip den Solipsismus (ohne diesen namentlich zu erwähnen) zu widerlegen vorgibt. Er bedient sich hierzu eines Modells eines mit einem Simulationscomputer verbundenen Gehirns in einem Tank. Dieser Artikel besteht aus – nicht justiziabel ausgedrückt – Absurditäten en masse, sodass er eigentlich weniger als individuelles Ärgernis, denn als irrlichternde Realsatire auf die Verkommenheit des Wissenschaftsbetriebes zu dienen vermag. Eine ausführliche Kritik dieses Elaborats drängt sich daher auf. Was den Solipsismus betrifft, sei in aller Bescheidenheit auf den Artikel „Solipsismus – Zufall der Geburt – Weltgeist“ unter der Rubrik „Philosophie“ auf dieser Webseite verwiesen.

Das von Putnam/Wright/Müller (nachfolgend „Trio“ genannt) konstruierte Modell besagt, dass die Nervenstränge eines isolierten, in einem Tank mit Nährlösung schwimmenden Gehirns nicht mehr mit dem Körper, sondern vollständig mit einem Computer verbunden sind, dessen Programm mit allen Einzelheiten aus dem Leben des seines Körpers verlustig gegangenen Menschen gefüttert wurde, nun alle an das Gehirn gerichteten Nervenimpulse simuliert und die vom Gehirn empfangenen realitätsgerecht verarbeitet, sodass der arme Tropf, pardon das dem Gehirn entspringende Bewusstsein keinen Unterschied zur bisherigen Vita konstatiert und alle Sinneseindrücke von ihrem jeweiligen Original in besseren Zeiten nicht zu unterscheiden sind.

Philosophischer Hintergrund dieses Szenarios ist der seit Jahrhunderten diskutierte Solipsismus. Es ist nur eine Allegorie für metaphysische Ignoranten, um sich das reine Ich in einer rein virtuellen Welt zu veranschaulichen, es ersetzt den unergründlichen Dämon durch einen Simulationscomputer, der immer noch Teil der realen Welt ist, insofern also dem Solipsismus widerspricht. Müller vermeidet den Begriff „Solipsismus“ wie die Pest, nimmt aber inhaltlich darauf Bezug, wenn er schreibt:

„Wie, wenn es die Erde gar nicht gäbe? Dann wären Sie das einzige denkende Wesen überhaupt!

Wir können nicht ausschließen, dass wir stets träumen oder andauernd von einem bösen Dämon getäuscht werden“.


„Solipsismus“ – ein in arrivierten Philosophenkreisen „expressis non gratis“ oder so ähnlich?

Schon zu Beginn seines Artikels überschlägt sich Müller fast, um die Wichtigkeit der Putnam‘schen und in dessen Schatten seiner eigenen Einfälle zu unterstreichen:

„… hat er einen raffinierten, verwirrenden und völlig neuartigen Beweis gefunden, um den sich die Fachwelt seit einem Vierteljahrhundert streitet. … Hätte Putnam recht, so wäre dies eine philosophische Sensation historischen Ausmaßes …“,

an der Vielosoph Müller natürlich nur zu gerne als Protagonist teilhaben möchte. Darunter macht man es ja nicht. Ruhm, wem Ruhm gebührt. Sollte es diesem Artikel gelingen, das Trio Putnam/Wright/Müller zu entzaubern, wäre das allerdings bedauernswerterweise k„eine philosophische Sensation historischen Ausmaßes“.

„Beweis“führung:

„Putnam braucht zwei sprachphilosophische Voraussetzungen, um seinen Beweis ins Rollen zu bringen. Die erste Voraussetzung ist eine Binsenweisheit:

(1) In meiner Sprache bezeichnet das Wort »Tiger« die Tiger.“


Müller steht nicht an, die Banalität des Satzes einzuräumen:

„Um zu wissen, dass Satz (1) zutreffen muss, braucht man keine Ahnung von Tigern zu haben und benötigt keinerlei empirisches Wissen über die Welt. Um der Wahrheit des Satzes sicher zu sein, braucht man lediglich eine besonders banale Information über die eigene Sprache. Man muss nur wissen, dass das Wort »Tiger« zur eigenen Sprache dazugehört“.

Mal abgesehen vom contradictio in adjecto „empirisches Wissen“ – warum dann aber nicht gleich zum Beispiel so:

„(1) In meiner Sprache existiert das Wort »Tiger«.“

Das hat einen speziellen Grund, dazu gleich. Schon hier beschleicht einen jedenfalls das Gefühl, dass der Tiger forsch springt, aber als Bettvorleger landen könnte.

Nächster Schritt der „Beweis“führung:

„Putnams zweite Voraussetzung läuft so:

(2) In der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank bezeichnet das Wort »Tiger« nicht die Tiger.

Warum nicht die Tiger? Laut Annahme hat ein ewiges Gehirn im Tank keinerlei kausalen Kontakt zu echten Tigern. Da ginge es nicht mit rechten Dingen zu, wenn das Gehirn die Tiger trotzdem bezeichnen könnte. … »externalistische« … Bedingung für Erfolg beim Bezeichnen: Ohne externe, kausale Verbindungen zu irgendwelchen Tigern kein Erfolg beim Bezeichnen mithilfe des Wortes »Tiger«.“


Der linguistische Humbug der Behauptung unter (2) ist im von Müller in seiner Begründung verwendeten Begriff „Erfolg“ begründet. Seit wann schert sich der Mensch um unfallfreien „Erfolg beim Bezeichnen mithilfe … [eines] Wortes“? Nicht jeder ist Legastheniker oder Lalopath. Müller meint offensichtlich was anderes: Eine „externe, kausale Verbindung“ zum bezeichneten Gegenstand muss her, der soll demnach also real existieren. Dann sei Sprache von „Erfolg“ gekrönt. Und da der Solipsismus nun einmal keine extern-real-kausal-existierende Welt verkörpert, scheitert dort die Sprache am extern-real-kausal-existierenden Tiger. Seltsam nur, dass Müller sich zuvor aber – zur Erinnerung nochmals zitiert – zu folgendem Statement hinreißen ließ:

„… braucht man keine Ahnung von Tigern zu haben und benötigt keinerlei empirisches Wissen über die Welt … “,

also wohl auch kein Wissen über die „empirische“ Existenz der Tiger. Müller schert sich um diesen Widerspruch innerhalb weniger Absätze mitnichten – es gehört wohl zum Handwerkszeug eines Vielosophen, den Leser für dämlich bzw. vergesslich zu halten.

Nun ist es an der Zeit, mal autoritär mit einigen Klarstellungen dazwischenzuhauen:

Sprache repräsentiert die Gedanken bzw. Vorstellungen (Semantik). Ein Wort (wie etwa „Tiger“) stellt also eine gesellschaftliche Bezeichnungs-Konvention dar, irgendeinen noch nicht näher bestimmten gedanklichen Inhalt oder Gegenstand zu repräsentieren. Man stammelt ja schließlich nicht nur irgendwelche mal gehörte oder selbst erfundene Wörter herunter, sondern verbindet damit eine Bedeutung. Auf der abstrakten Ebene der Bezeichnung eines Gegenstandes muss man von diesem nichts Näheres wissen, es genügt ein Vorstellung. Insofern ist Müller beizupflichten, wenn er es denn mit dem sich selbst widersprechenden „… keinerlei empirisches Wissen …“ so gemeint haben sollte. Das sprachliche Signum ist zu trennen vom Begriff der bezeichneten Sache und von der Wahrheit von Urteilen. Es ist nicht einmal auf die dingliche Existenz des so bezeichneten Gegenstandes angewiesen (vgl. so realitätstrunkene Begriffe wie „Gott“, „Teufel“, „Geister“, „Magie“, „Auferstehung“ etc.). Ein irgendwie bezeichneter Gegenstand muss also nicht notwendigerweise auch real existieren, die mit ihm verbundene Bedeutung könnte ja auch aus propagandistischen bzw. egoistischen Gründen erfunden oder schlicht halluziniert sein, die biblischen Kolpoteure lassen grüßen. Müsste man für alle Dinge, über die man zu reden oder schreiben gedenkt, erst den Existenzbeweis antreten, sollte man besser die Sprache radikal ausmisten oder sie gleich ganz bleiben lassen.

Wer zum Thema Näheres in Erfahrung bringen möchte, dem sei der Artikel „Hegels Wissenschaft der Logik“, Seite 15 ff. empfohlen.

Das Urteil darüber, ob eine Sache real ist oder nur der Phantasie entspringt, wird nicht auf der Ebene der Sprache, sondern auf derjenigen der Überprüfung der Realität per Empirie plus Denken bzw. Wissenschaft gefällt, wobei dies übrigens durchaus etwas anderes ist als „empirisches Wissen“. Mit linguistischen – auf der Ebene der sprachlichen Bezeichnung verharrenden – Tricks lässt sich allenfalls für das – nennen wir es einmal höflich: geneigte – Publikum solcher Jahrmarktzauber veranstalten.

Jetzt ist übrigens auch das Rätsel gelöst, warum das Trio Wert legte auf die Formulierung

„(1) In meiner Sprache bezeichnet das Wort »Tiger« die Tiger“,

anstatt sich mit dem bescheideneren

„(1) In meiner Sprache existiert das Wort »Tiger«“

zu begnügen. Dann wären nämlich „die Tiger“, auf die das Trio so große Stücke hält, weil man sie sich ja für die nachfolgende Beweisführung als real existente außerhalb des Tanks zu reservieren gedenkt, irgendwo im sprachlichen Nirwana verschwunden.

Fazit: (2) In der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank bezeichnet „das Wort »Tiger«“ schon auch die Tiger.

Jedoch diejenigen Tiger, die im Gehirn im Tank ihren nichtexistentiellen Spuk treiben. Was sollte „das Wort »Tiger«“ auch sonst bezeichnen? Denn irgendwas bezeichnet es doch, dies wird ja nicht einmal vom Trio in Abrede gestellt. Und „die Tiger“ außerhalb des Tanks, sofern es die und die externe Welt gleich mit dazu überhaupt geben sollte, können in einer solipsistischen Welt jedenfalls nicht gemeint sein, die kennt das Gehirn ja nicht.

Die Lobhudeleien Müller‘s über Putnam wollen nicht enden:

„Meisterhaft beherrscht er die philosophische Kunst, gerade nur soviel zu sagen wie unbedingt nötig.

Nun beginnt die sensationell schnelle logische Arbeit. Aus den Voraussetzungen (1) und (2) ergibt sich zwingend:

(3) Meine Sprache ist von der Sprache eines ewigen Gehirns im Tank verschieden.“


Ist sie nicht. Das wiederum ist die „sensationell schnelle logische Arbeit“, die aus den obigen Klarstellungen „zwingend“ resultiert. Die mit der Sprache verbundenen Vorstellungen sind dieselben. Der Existenzbeweis oder gar die wissenschaftliche Erfassung des Gegenstandes liegen außerhalb der sprachlichen Bezeichnung. Der „sensationell schnelle logische“, nicht zu vergessen „meisterhafte“ Schluss, der auf einer unsinnigen Annahme beruht, ist halt nicht besser als sein neben der Sache liegender Ausgangspunkt.

Wer nun wirklich dem Trio Putnam/Wright/Müller trotz aller Sprüche, Widersprüche und sonstiger Unbillen bis hierhin Folge geleistet haben sollte, wäre gut beraten, sich zu fragen, wie man denn nun wissen kann, dass „meine Sprache“ nicht ganz zufälligerweise die „Sprache eines ewigen Gehirns im Tank“ ist.“ Denn wäre mein Gehirn im Tank, wie könnte es „extern“ überprüfen, welche Sprache es spricht und ob es die Tiger auch wirklich gibt oder ob sie nur in meiner Sprache als sozusagen intern-irreal-nichtkausale Ausgeburten meiner Phantasie vorkommen? Mit Logik hat es überhaupt nichts zu tun, sondern eher mit kognitiver Scharlatanerie, wenn das Trio mir nichts, dir nichts unterstellt, die tankexterne Existenz meines Gehirns und meiner Sprache sei über jeden Zweifel erhaben, nur um den Anschein der Stringenz seiner Beweisführung zu wahren.

Das Trio bewegt sich im Zirkel und kann ihm selbst mit seinen linguistischen und scheinlogischen Verrenkungen notwendigerweise nicht entrinnen. Dieses Dilemma wurde bereits grundsätzlich im Artikel „Solipsismus – Zufall der Geburt – Weltgeist“, Abschnitt „Widerlegung des Solipsismus“, auf dieser Webseite thematisiert. Viel Erhellendes ist dort aber nicht zu finden, das nur zur Warnung.

Das unvermeidliche dicke Ende der Konklusion:

„Und da sind wir schon am Ziel. Aus (3) folgt, und zwar abermals zwingend:

(4) Ich bin nicht seit jeher ein Gehirn im Tank.“


Kampf gegen die Einwände:

Klappe zu, Affe tot? Mitnichten. Müller ist nun in seinem Element und bestrebt, sich zwecks eigenen Meriten von Putnam zu emanzipieren. Der Arme war doch glatt hin- und hergerissen zwischen seinem Unverständnis des Putnam‘schen Beweises und seines Verdachts eines Taschenspielertricks. Das sagt ein Professor ordinarius für Philosophie nach der Rezeption einiger kurzatmiger linguistischer Floskeln. Respekt! Eine solche Verunsicherung schreit doch nach einer Therapie.

„So habe ich mich entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Mithilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) setzte ich im Herbst 1996 ein langjähriges Forschungsprojekt in Gang, in dessen Verlauf ich mit …“ – nun werden sage und schreibe 8 Personen in Deutschland, USA und Mexiko namentlich genannt – „… kooperierte. Neben der Zusammenarbeit mit Fachkollegen habe ich in meinen Lehrveranstaltungen die unverbildeten Intuitionen anfangender und den Scharfsinn fortgeschrittener Studierender anzuzapfen versucht …“.

Na, werter Ordinarius Müller in Berlin, wieviel Kohle hamse denn für dieses „langjährige Forschungsprojekt“ vom Steuerzahler abgegriffen und aus dem Fenster geworfen, um sich in Fachkreisen wichtig zu machen?

Dass für diesen gequirlten Quatsch überhaupt Forschungsgelder verbraten werden, ist der eigentliche Skandal. Er zeigt, wie der Wissenschaftsbetrieb auf den Hund gekommen ist, und das nicht erst seit dem Kotau vor linksgrünversifftem Genderismus und CO₂-Lüge.

Müller präsentiert nun die Früchte des „langjährigen Forschungsprojekts“:

„Putnams Beweisidee ist völlig in Ordnung, ja sogar genial. Alle Makel des Beweises können ausgebügelt werden. So ist es mir gelungen, insgesamt drei wasserdichte Fassungen des Beweises auszuarbeiten, die sich gegen alle mir bekannten Einwände verteidigen lassen.
Zwei dieser Einwände will ich jetzt vorführen und in aller Kürze entkräften. Laut erstem Einwand ist es misslich, den Beweis ausgerechnet mit dem Wort »Tiger« zu führen: Denn was wird aus dem schönen Gedankengang, wenn es zum Beispiel keine Tiger gibt? Dann könnte der Beweis scheitern, weil sich meine Sprache dann doch nicht von der eines Gehirns im Tank zu unterscheiden braucht – wenn nämlich das Wort »Tiger« weder hier noch dort irgendetwas bezeichnen würde.“


Also jetzt mal langsam.

Wenn es keine Tiger gäbe, dann könnte das zwei Gründe haben:

Entweder sind „Tiger“ so etwas wie hochdeutsche Wolpertinger, bekanntlich eine Bezeichnung für ein überwiegend in bayerischen Gefielden anzutreffendes Fabelwesen, was aber nach hiesigem Sprachverständnis eher auszuschließen ist.

Oder wir sind doch ein Gehirn im Tank bzw. im Solipsismus und alle unsere Wörter für Gegenstände beziehen sich auf Phantasiegebilde. Das wäre als Voraussetzung für die Müller‘sche Beweisführung aber nicht so vorteilhaft. Dann könnte er gleich einpacken.

Wie auch immer, die Müller‘sche These, wenn es denn keine Tiger gäbe, würde „das Wort »Tiger« weder hier noch dort irgendetwas bezeichnen“, entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik: Wer sich nicht sicher ist, ob es Tiger gibt, sich dieses Wortes in seiner Argumentation ohne Skrupel bedient, um dann treuherzig zu versichern, im Fall der Nichtexistenz der Tiger würde dieses Wort nichts bezeichnen, der muss sich die Frage gefallen lassen, wovon er denn redet. „Wat?“ „Tiger.“ „Wie bitte?“ „Tiger.“ „Wat is‘n dat?“

Nun kommt Müller der rettende Einfall: man vertausche „Tiger“ mit „Gehirn“:

„Es ist sicherer, in dem Beweis anstelle von »Tiger« überall das Wort »Gehirn« zu verwenden. Was aber, wenn es keine Gehirne gibt? Einfach: Wenn es keine Gehirne gibt, sind wir ganz sicher kein Gehirn im Tank. Putnams Resultat (4) bleibt auch dann unangefochten.“

Oh Herr, lass Hirn regnen. Und nimmer Müller den Schirm weg!

Soll heißen: Gäbe es keine Gehirne, gäbe es insbesondere kein Müller‘sches Gehirn und keine Müller‘schen Artikel. Nun, der Verlust würde sich für die Welt in Grenzen halten.

Und nicht zu vergessen: Ohne Gehirne bliebe nur eine Alternative für das ganze Brimborium, dessen Zeugen wir ständig sind: Solipsismus. Also das, was Müller ständig vergeblich zu widerlegen versucht, auch wenn er diesen Begriff meidet wie die Pest. Fast ist man geneigt, den Müller‘schen Artikel als Beweis für den Solipsismus anzuerkennen, denn als Ausgeburt eines real existierenden Gehirns ist dieser schwer vorstellbar, solange man den Glauben an die Vernunft der Menschheit nicht vollends verloren haben sollte.

Nun also der zweite Einwand:

„Der zweite Einwand gegen Putnams Beweis besagt, dass der erhoffte Beweis in keiner denkbaren Fassung stimmen kann. Denn es liegt klar zutage, dass ein eingetanktes Gehirn den Beweis (in jeder beliebigen Fassung) wortwörtlich wiederholen könnte. … Es käme, so wie wir, zu dem Schluss, nicht im Tank zu stecken … Wer garantiert uns, dass wir nicht auch zu denen gehören, die von Putnams Beweis in die Irre geleitet worden sind und sich in falscher Sicherheit wiegen?“

Müller scheint so sehr von der Richtigkeit des Putnam‘schen Beweises überzeugt zu sein, dass er sich gar nicht vorzustellen vermag, die Gehirne seiner Leser – ob im Tank oder nicht – seien ob ihres Verstandes gegen diesen verqueren Quatsch immun und schon deshalb nicht „in die Irre geleitet worden“. Geschenkt.

Er sucht also nach einem anderen Ausweg, um einen Irrtum der Gehirne im Tank auszuschließen, was allerdings einigermaßen verwundert. War Müller in seiner Hybris der recht einsamen Meinung, der Beweis sei „logisch“ und „zwingend“, sodass „ich“ kein Gehirn im Tank sein könne, dass es folglich sowas gar nicht geben könne? Und trotzdem werden ihm nun die Gehirne im Tank und unser eigenes Schicksal und die „falsche Sicherheit“, in der „wir“ uns im Tank wiegen könnten, zum Problem. So ist das mit verrückten Theorien. In lichten Momenten erkennt der Verrückte, dass nur Verrückte an sie glauben.

Müller sagt sich, Angriff ist die beste Verteidigung, und behauptet nun forsch,

„… dass die Gehirne im Tank den Beweis tatsächlich mit Recht wiederholen können. Denn ihr Ergebnis »Ich bin kein Gehirn im Tank« trifft vollkommen zu. Wie das? Wie kann ein Gehirn im Tank die Wahrheit treffen, wenn es behauptet, gerade kein Gehirn im Tank zu sein? Einfach; wenn es sagt: »Ich bin kein Gehirn im Tank«, dann meint es mit diesen Worten überhaupt nicht, kein Gehirn im Tank zu sein. Denn seine Sprache funktioniert anders als unsere … Wenn das Gehirn im Tank »Tiger« … sagt, dann meint es damit gewisse Konfigurationen aus Bits und Bytes im Simulationscomputer – Bit-Tiger … Genauso, wenn es »Gehirn« oder »Tank« sagt. Nehmen wir also an, dass das eingetankte Gehirn mittels Putnams wunderbarem Beweis zu dem Ergebnis kommt: »Ich bin kein Gehirn im Tank«. Dann behauptet es (übersetzt in unsere Sprache), dass es kein Bit-Gehirn im Bit-Tank ist. Und damit hat es deshalb recht, weil es in der Tat kein Bit-Gehirn im Bit-Tank ist, sondern (gleichsam eine Ebene höher und weniger schlimm) bloß ein Gehirn im Tank“.

Der Trick ist simpel:

Man versteige sich zu der Behauptung, Sprache könne unterschiedlich funktionieren, je nachdem, wer sie verwende. Und damit ist nicht nur die Banalität unterschiedlicher Wortbedeutungen gemeint, wie zum Beispiel für „Tank“: Flüssigkeitstank und Panzer. Mit dieser linguistischen Methode lassen sich Sprache und Aussagen umlügen, gerade so wie es einem in den Kram passt, in der Tradition Ludwig Wittensteins übrigens, dem angeblich meistzitierten Philosophen des 20. Jahrhunderts, da will diese Webseite nicht hintanstehen:

„Mach diesen Versuch: Sag ,Hier ist es kalt' und meine ,Hier ist es warm'. Kannst Du es?“ („Philosophische Untersuchungen“, 510)

Der ganz normale linguistisch-vielosophische Wahnsinn halt.

Konkret: Die Aussage »Ich bin kein Gehirn im Tank« bedarf keiner Interpretation und schon gar keiner Übersetzung, ihre Bedeutung ist für jedes Gehirn die gleiche, ob im Tank oder außerhalb. Wenn das Gehirn im Tank vom Simulationscomputer getäuscht wird und deshalb wie jedes Gehirn außerhalb des Tanks tickt und glaubt, kein Gehirn im Tank zu sein, wie könnte es dann mit seinen Sprachkennzeichnungen "Konfigurationen aus Bits und Bytes" meinen? Seine Sprache spiegelt die Vorstellungen seines Gehirns in gleicher Weise wieder wie es die Sprache eines jeden anderen Gehirns tut. Würde es "Konfigurationen aus Bits und Bytes" meinen, hätte es ja die Manipulation per Simulationscomputer durchschaut, was ihm aber aufgrund der Simulation gar nicht möglich ist; und wenn es sie durchschauen würde, würde es sicherlich nicht sagen: "Ich bin kein Gehirn im Tank"; dann würde es sich vielmehr für den hirnrissigen Putnam-Beweis herzlich bedanken.

Und selbst wenn man dem linguistischen Trick Müllers auf den Leim gehen würde, wäre die verirrte Müller‘sche Gleichsetzung („Genauso, wenn …“) von

„Tiger“ meint „Konfigurationen aus Bits und Bytes im Simulationscomputer“ bzw. „Bit-Tiger“

mit

„Gehirn“ meint „Bit-Gehirn“ oder „Tank“ meint „Bit-Tank“

bereits objektiv daneben, weil die Tiger eine Computersimulation darstellen, das Gehirn und der Tank aber nicht. Von wegen „Bit-Gehirn“ und „Bit-Tank“, diese sind als vermeintliche Vorstellungen bei Verwendung der Worte „Gehirn“ und „Tank“ allein Ausgeburten der Müller‘schen Phantasie. Und dieses (absichtsvolle?) Quidproquo ist sicher nicht dem Müller‘schen Computer-Analphabetismus geschuldet. Schon deshalb ist das rechthaberische Gefasel Müllers, die von ihm halluzinierte Übersetzung, das Gehirn im Tank sei „kein Bit-Gehirn im Bit-Tank“, gehe schon in Ordnung, da es ja „bloß ein Gehirn im Tank“ sei, fehl am Platze. Das gleiche gilt natürlich für die von Müller, der langsam am Durchdrehen ist, ersponnenen „Ebenen“, die nun die höheren Weihen empfangen:

„So gesehen, liefe Putnams Beweis auf diese Einsicht hinaus: Jedermann – Sie oder ich genauso wie das Gehirn im Tank – befindet sich exakt auf der Ebene, auf der er sich befindet; nicht etwa eine Ebene weiter unten.

Sie finden das trivial?“


Ehrlich gesagt: Ja.

Nun wissen wir, wofür das „langjährige Forschungsprojekt“ gut war. Und wo wir uns befinden: nämlich dort, wo wir uns befinden. Und nicht nur ungefähr, nein „exakt“. Endlich mal eine präzise Aussage eines Vielosophen. Wenn das die Quintessenz eines internationalen Forschungsprojekts ist, dann sollte man das schon glauben.

Müller will den Leser aber nicht ohne ein Grande Finale entlassen:

Putnams Beweis „führt uns vor Augen, dass die cartesischen Skeptiker einen grandiosen Fehler begehen, wenn sie unser Wissen über die äußere Welt leugnen“.

Welches „Wissen über die äußere Welt“? Etwa das „Wissen“ aufgrund des grandios gescheiterten Putnam‘schen Beweises? Oder das „Wissen“ darüber, dass sich „jedermann … befindet … exakt auf der Ebene, auf der er sich befindet“? Es sei vermutet, dass sich „cartesische Skeptiker“ mit Wichtigerem auseinandersetzen. Und wenn die eines nicht tun, dann ist es das, „die äußere Welt“ zu „leugnen“. Skeptizismus bedeutet, den Zweifel zum Prinzip des Denkens zu erheben. Soweit sollte die humanistische Ausbildung eines Philosophen schon gegangen sein, nicht wahr Müller? Wenn sich also ein „cartesischer Skeptiker … die äußere Welt“ zur Brust nimmt, wird das kaum bei ihrer einseitigen Leugnung enden.

Und nun endlich Tusch - Vorhang auf - die Spannung ist unerträglich.

„Worin der grandiose Fehler besteht? Er besteht in dem verqueren Versuch, sich vorzustellen, dass wir in ein und demselben Moment woanders stehen als dort, wo wir gerade stehen.“

Pffff. Das steht wirklich so da, Ehrenwort!

Ja wo stehen wir denn gerade???

War es nicht die Intention des Artikels, einen Beweis zu führen? Darüber wo wir nicht stehen: im Tank. Und nun werden der Einfachheit halber nur noch Selbstverständlichkeiten und Tautologien zum Besten gegeben:

„Natürlich könnten wir woanders stehen als an unserem augenblicklichen Aufenthaltsort. (Wir könnten beispielsweise alle nach Feuerland durchgebrannt sein). Aber selbst dann bliebe der Satz »Ich bin, wo ich bin« wahr. Einerlei, ob ein Sprecher an die äußere Welt angeschlossen ist oder an einen Simulationscomputer oder an einen simulierten Simulationscomputer“.

Konnten wir jetzt den kühnen Müller‘schen Geistesblitzen nicht komplett folgen: gleichzeitig „nach Feuerland durchgebrannt“ und im Tank? Vielleicht haben wir da was übersehen.

Schlussfolgerungen:

Wer so etwas zu Papier bringt, dem geht es nicht um logische Schlüsse oder gar Wahrheit. Der unterstellt erst mal, dass der Leser zu dämlich ist, seinen teilweise geschickt verpackten Trug und seine nicht gerade geistreichen Trivialitäten aufzudecken.

Aber ein solcher Artikel kommt nicht von ungefähr. Wer jetzt nämlich meint, das hätte man alles auch einfacher haben können, Müller hätte es schlicht bleiben lassen sollen, verkennt zweierlei:

Vielosophen wie Putnum und Müller möchten sich in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit mit Publikationen wichtig machen, obwohl sie gar nichts Erhellendes zu sagen haben. Dabei kommt es auf die vorprogrammierten intellektuellen Pleiten, Pech und Pannen nicht an, die Kollegen und das naive Publikum sind auch nicht besser. So winken Renommee, gut dotierte Posten, Nebeneinahmen aus Büchern und Vorträgen etc. Müller stand nicht an, zwei Bücher zum Thema zu schreiben mit den wenig vielversprechenden Titeln „Hilary Putnam und der Abschied vom Skeptizismus“ sowie „Metaphysik und semantische Stabilität“, die man nach Kenntnis seines Artikels selbst in der Leihbücherei besser nur mit der Beißzange anfassen sollte.

Was den von Putnum und Müller angegriffenen Solipsismus betrifft: der wirkt wie ein rotes Tuch. Während simpler Skeptizismus durchaus salonfähig ist, weil er ein Grundpfeiler des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus ist, stellt der Solipsismus die Realität der – bestimmten Herrschaftsprinzipien unterworfenen – Welt in Frage. Das ist verdächtig und nicht hinzunehmen. Wo kämen wir hin, wenn eine philosophische Theorie aufgrund ihres Irre-Machens die Bereitschaft zum devoten Mit-Machen im gesellschaftlichen Zwangskorsett in Frage stellen würde. Allemal besser ist da schon die Parole: Wir stehen, wo wir stehen, exakt. Da kann nichts schiefgehen.

Auf ein Wort, Müller: Wärnse halt mit dem Namen Fußballstürmer geworden, dann hättnse richtige Treffer gelandet. So warns nur Eigentore.

Beruhigend zu wissen, dass in nicht mehr ferner Zeit unbrauchbare Akademiker zu Ackerdemikern umgeschult werden dürften.


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