Epiphänomenalismus und Identitätsansicht

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Peter Möller

Ein zuweilen interessanter, gleichwohl kritikabler Philosoph, der im Internet ein umfangreiches Archiv geschaffen hat -
dafür sei ihm gedankt

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Spektrum.de - Hirngespinst Willensfreiheit

Interview mit
John-Dylan Haynes




Die Psychologie des bürgerlichen Individuums

Transkription des Audio-Vortrages auf YouTube

Michael Heidelberger - Fechner und Mach zum Leib-Seele-Problem

Darstellung der Identitätsansicht von Gustav Theodor Fechner

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Epiphänomenalismus und Identitätsansicht - das Verhältnis zwischen Gehirn und Geist - eine Tour d'Horizon


Eitle Philosophen haben mit ihren irrlichternden Phantastereien über das Verhältnis zwischen Körper und Geist über Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart mehr Verwirrung als Klarheit gestiftet. Dem soll hiermit - ganz unpluralistisch und intolerant - abgeholfen werden, mit einer ebenso simplen wie (seit 1851) in die Jahre gekommenen und weitgehend vergessenen Idee. Der Epiphänomenalismus ist damit nicht gemeint.

Aber zuvor werden vorgestellt:

Reduktiver Physikalismus bzw. eliminativer Materialismus:

Diese monistische philosophische Konzeption stellt doch glatt den Geist mehr oder weniger in Abrede. Mentale Zustände wären danach maximal nur noch „Erscheinungen“ in einer rein physikalischen Welt (Wikipedia - Eliminativer Materialismus).

Nun glaubt jedermann aus eigener Erfahrung zu wissen, dass es mentale Vorgänge, wie Bewusstsein, Denken, Wille, Empfindungen etc. gibt. Rechtfertigt es die Subjektivität dieser psychischen Phänomene, lediglich von „Erscheinungen“ zu sprechen und ihre Existenz zu bestreiten? Es muss ja nicht gleich eine eigenständige oder unabhängige Existenz sein, man ist ja bescheiden.

„Normalerweise werden mit ‚wirklich‘ oder ‚existierend‘ Phänomene beschrieben, die Wirkungen auf reale, materielle Gegenstände ausüben können. Gerade diese Eigenschaft ist aber dem Bewußtsein nach der hier vertretenen Auffassung abzusprechen. Dennoch ist es unserer Meinung nach gerechtfertigt, Bewußtsein als existent anzunehmen.“ ( Borislaw Wankow - Das Epiphänomen des Bewußtseins, Seite 3). Dies ist ein Bekenntnis, aber noch keine Begründung.

„Ein Schmerzerlebnis kann … von bestimmten elektrochemischen Prozessen im Organismus abhängen. Das Erlebnis ist jedoch nicht dasselbe wie diese funktionalen Beziehungen oder diese elektrochemischen Prozesse“ (Volker Gadenne – Drei Arten von Epiphänomenalismus und die Kenntnis eigener Bewusstseinszustände, Seite 2). Wenn es nicht dasselbe ist, was ist es dann?

„Energie, Materie und Information stellen die drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar.“ (Duden – Informatik). Informationen werden also der Materie gegenübergestellt und trotzdem als existent betrachtet. Nun ist das Gehirn eine Informationsverarbeitungszentrale, dort werden Informationen produziert, miteinander kombiniert und archiviert, bewusst oder unbewusst. Alles nur immaterielle „Erscheinungen“?

Ein Buch etwa verkörpert Gedanken und ist offensichtlich mehr als nur eine chaotische Ansammlung von Kohlenstoffatomen. Deren Struktur kann mithilfe eines geeigneten Codes, einer Sprache, dechiffriert und in Geistesinhalte übersetzt werden. Insofern dient ein Buch der Kommunikation.

„Jegliche Kommunikation beruht auf dem Austausch von Informationen, die vom Sender nach einem bestimmten Code erzeugt werden und die der Empfänger gemäß demselben Code interpretiert.“ (Wikipedia – Code).

Die Gedanken im Buch führen keine selbständige Existenz, denn sie bedürfen zu ihrem Verständnis und ihrem Transport in ein menschliches Gehirn des Sprachcodes. Da sie jedoch im Buch archiviert sind und verbleiben, selbst wenn dieses Buch nicht mehr gelesen und zugeschlagen bleibt, wird man ihnen eine immaterielle Existenz schwerlich absprechen können.

Das Gehirn arbeitet mit neuronalem Code, das hierdurch produzierte Bewusstsein und seine Inhalte sind gleichfalls immateriell. Die Kommunikation zwischen Gehirnen, der Austausch ihrer Informationen erfolgt wiederum per Sprach- oder per Gesten-Code. Wie steht es mit der Existenz dieser Informationen?

Würden Geist/Bewusstsein und alle damit verbundenen Phänomene nicht existieren, könnten sie schwerlich Thema alltäglicher Überlegungen und Kommunikation sein, von der Wissenschaft, insbesondere der Psychologie, ganz zu schweigen. Dann würde es ja genügen, nur noch über die dem Geist zugrundeliegenden gehirnphysiologischen Prozesse zu reden. Viel Spaß damit:

„Warum ist es besser zu sagen, die ‚Symbole A und B lösten Symbol C aus‘, als ‚die Neuronen 183 bis einschließlich 612 brachten Neuron 75 dazu, sich zu erregen‘? … Es ist besser, weil Symbole eben Dinge symbolisieren, Neuronen aber nicht.“ (Douglas R. Hofstadter - Gödel, Escher, Bach – Seite 375)

Und korrekte wissenschaftliche Psychologie ist zwar spärlich gesät, gleichwohl nicht nur ein Hirngespinst. Sie ist tatsächlich möglich. Wer es nicht glaubt, mag sich exemplarisch der betreffenden Literatur- und Video-Links über „Die Psychologie des bürgerlichen Individuums“ in der rechtsseitigen Linkliste bedienen.

Interaktionistischer Substanzdualismus:

Die Alternative auf der gegenüberliegenden Seite des philosophischen Spektrums ist nicht verheißungsvoller. Dort handelt es sich um den interaktionistischen Substanzdualismus, eine religiös bzw. mystisch geprägte Interpretation des Leib-Seele-Problems, wonach jenseits der materiellen Welt auch noch Seele und Geist hausen.

„Die grundlegenden Ideen lauten wie folgt: Geist und Materie sind verschiedene Substanzen und sie wirken aufeinander ein. Wenn ich mir mit der Nadel in den Finger steche, so werden von dort Signale in das Gehirn geleitet und dort muss es eine ‚Stelle‘ geben, wo das Gehirn auf den immateriellen Geist wirkt. Genau so funktioniert es in die andere Richtung: Wenn ich Schmerzen habe, so wirkt der immaterielle Geist auf das Gehirn. Von da werden Signale ausgesendet und ich ziehe – beispielsweise – meine Hand zurück.“ (Wikipedia - Philosophie des Geistes - Interaktionistischer Substanzdualismus)

„Ein Substanzdualismus erscheint als ein Bruch in der Evolution bzw. als eine These, die vor dem Hintergrund dessen, was die Biologie über die Evolution der Organismen lehrt, unglaubwürdig anmutet.

Was mentale Eigenschaften angeht, so sind sie nach den heutigen Theorien vor allem von solchen Mikrostrukturen abhängig, die Neurone als Bestandteile enthalten, deren Anordnung in der Vernetzung durch Nervenfasern besteht.“
(Gadenne, a.a.O., Seite 3)

„Grob gesprochen gibt es für die Aktivität von Neuronen bekannte Ursachen, nämlich (physikalische) Sinnesreize oder die Aktivität anderer, vorgeschalteter Neurone, die einen erregenden oder hemmenden Einfluss ausüben. Man versteht diese Prozesse ziemlich gut. Aus welchem Grund sollte man daher annehmen, dass Neurone manchmal nicht durch elektrochemische Prozesse, sondern stattdessen durch nichtphysische mentale Zustände aktiviert werden?“ (Gadenne, a.a.O., Seite 11)

Kuriose Begleiterscheinungen dieses Substanzdualismus sind etwa – wie praktisch jeder aus eigener Anschauung weiß - Unsterblichkeit der Seele inklusive Seelenwanderung (Reinkarnation) und ruhelose Gespenster zur Geisterstunde.

Nun wäre es eine ziemliche Zeitverschwendung, im Gehirn nach dem Sitz des Geistes und seiner Interaktion mit der Welt zu suchen (wie es etwas Descartes tat, der auf die Zirbeldrüse tippte – und wer wie Penrose eine Interaktion durch Quanteneffekte vorschlägt, ist nicht weniger mit Naivität geschlagen). Wenn Geist gerade nicht Materie ist, sollte man den Versuch, seine angebliche Interaktion mit der materiellen Welt zu lokalisieren, besser bleiben lassen. Denn einem solchen Paradoxon ist auch nicht mit der ausgeklügeltsten Hirnforschung beizukommen. Das heißt aber nicht, dass es von vornherein unmöglich wäre, dem Geist zugrundeliegende gehirnphysiologische Vorgänge zuzuordnen. Hierzu wird man kaum umhinkommen, die neuronalen Strukturen unterschiedlichster Areale im Gehirn einer tiefgehenden Analyse zu unterziehen. Und das kann dauern.

Nicht-reduktiver Physikalismus oder anomaler Monismus:

Diese Kapriole, auf die die Welt nicht gewartet hat und deren Protagonist der amerikanische Vielosoph Donald Davidson ist, stellt einen Versuch dar, den radikalen reduktiven Physikalismus oder eliminativen Materialismus wie folgt in die Schranken zu weisen:

„Mentale Ereignisse interagieren kausal mit physischen Ereignissen, sie können einander verursachen.“ (zitiert nach Wikipedia). Andererseits soll „jedes einzelne mentale Ereignis mit einem einzelnen physischen Ereignis identisch“ sein (wieder zitiert nach Wikipedia). Davidson wird anscheinend deshalb im Lager des nicht-reduktiven Materialismus mit offenen Armen empfangen, anstatt dass ihm wegen erwiesener Bauernfängerei der Ausgang zum interaktionistischen Substanzdualismus gezeigt würde.

Abgesehen davon, dass hier der oben beschriebene Fehler des interaktionistischen Substanzdualismus, eine angebliche Interaktion zwischem immateriellen Geist (I-G) und materieller Welt (M-W) zu postulieren, wiederholt wird:
Wie sollen denn I-G und M-W-1 ursächlich interagieren, wenn I-G identisch ist mit einem - ja was eigentlich, nennen wir es - M-W-2, wenn I-G also nur eine "Erscheinung" ist und genau genommen gar nicht existiert?

„Die kausale Wirksamkeit mentaler Ereignisse steht für den nicht-reduktiven Physikalismus insofern nicht in Frage, als mentale Ereignisse nichts anderes sind als physikalische Ereignisse und die kausale Wirksamkeit physikalischer Ereignisse, wie weithin angenommen wird, unproblematisch ist.“ (Sven Walter - Geist als Ursache?: Mentale Verursachung im interdisziplinären Diskurs, Seite 105)

Ach so. Der nicht-reduktive Physikalismus bedient sich erst einmal beim reduktiven Physikalismus, weil danach bekanntlich „mentale Ereignisse nichts anderes sind als physikalische Ereignisse“, um so die mentalen Ereignisse als Chimären gleichsam zu beerdigen, ihnen aber im gleichen Atemzug eine „kausale Wirksamkeit“ unterzuschieben, wodurch sie allerdings – ganz im Gegensatz zur ursprünglichen Idee des reduktiven Physikalismus – nicht nur wiederauferstehen, sondern auch noch eine selbständige und aktive Rolle im Weltgeschehen übernehmen. Da war doch was … Richtig: der interaktionistische Substanzdualismus lässt grüßen. Ist also zu guter Letzt der nicht-reduktive Physikalismus unter Zuhilfenahme des reduktiven Physikalismus zum interaktionistischen Substanzdualismus mutiert? Mein Gott Walter …

Fazit: der nicht-reduktive Physikalismus ist hin- und hergerissen zwischen dem reduktiven Physikalismus und dem interaktionistischen Substanzdualismus. Die hierdurch zu Tage tretenden Widersprüche muss man sich nicht antun. Es gibt bessere Realsatire.

Epiphänomenalismus:

Fast wäre man geneigt, die Richtigkeit des Epiphänomenalismus schon allein aus der beklagenswerten Unlogik seiner Alternativen abzuleiten.

„Hat man das Unmögliche eliminiert, so muss, was übrig bleibt, mag es noch so unwahrscheinlich erscheinen, die Wahrheit sein.“ (Sherlock Holmes in „Das Zeichen der Vier“)

Der Epiphänomenalismus ist eine dualistische Theorie von Materie und Geist. Er anerkennt neben der Natur bzw. der materiellen Welt den Geist und alle mentalen Zustände (Bewusstsein, Gedanken, Gefühle, Wille) als real existierend. Das ist nicht gerade selbstverständlich. Er vermeidet nicht nur die Nichtexistenz des Geistes, sondern auch dessen unbegreifliche Interaktion mit Materie bzw. Gehirn.

„Der ursprüngliche EP lässt sich durch die beiden folgenden Thesen ausdrücken … : Erstens werden die Bewusstseinszustände von Tieren und Menschen durch deren Gehirnaktivität verursacht. Zweitens haben diese Bewusstseinszustände selbst keinen kausalen Einfluss auf den physischen Organismus. Sie sind also Nebenprodukte, ‚Epiphänomene‘ bestimmter physischer Prozesse.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 4)

Das Gehirn erzeugt mit dem Geist lediglich eine symbolische Repräsentierung seiner Zustände und Vorgänge im Sinne einer Einbahnstraße. Der Geist bleibt deskriptiv, anstatt kausal in das Weltgeschehen einzugreifen. Gedanken und Willensentscheidungen bewirken … nichts! Das besorgen und veranlassen einzig und allein die physiologischen Gehirnprozesse. Wer‘s nicht glaubt, mag sich z.B. über die Haynes-Experiment kundig machen. Und wer sich darüber beschwert, dass dieser Epiphänomenalismus nicht mit der Alltagserfahrung in Einklang zu bringen und kontraintuitiv sei -

„Die meisten Menschen haben die intuitive Überzeugung, dass ihre Erlebnisse und Entscheidungen eine Rolle dafür spielen, was sie tun. Dass diese mentalen Vorkommnisse bloße Epiphänomene seien, hört sich für sie absurd an.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 4)

- muss sich auf ein Missverständnis verweisen lassen:

„Natürlich scheinen wir wahrzunehmen, dass mentale Zustände andere mentale oder physikalische Zustände verursachen (etwa wenn wir ein Argument durchdenken und ein Gedanke zum nächsten führt oder wenn ein stechender Schmerz dazu führt, dass wir zusammenzucken). Allerdings nehmen wir in solchen Fällen nur die Abfolge dieser Ereignisse wahr, nicht die kausale Natur dieser Abfolge – das Vorliegen oder nicht-Vorliegen einer Kausalrelation ist unserer Wahrnehmung unzugänglich“ (Sven Walter - Ist der Epiphänomenalismus absurd? Ein frischer Blick auf eine tot geglaubte Position, Seite 5).

Vielleicht vermag ja auch Trost zu spenden das Bonmot von Hegel auf den Vorwurf, dass seine Theorien den Tatsachen widersprächen: „Umso schlimmer für die Tatsachen!“

Aber auch eine kausale Verursachung mentaler Prozesse im üblichen physikalischen Sinne ist zu verwerfen.

„David Hume zufolge müssen folgende notwendige und hinreichende Bedingungen erfüllt sein, um eine Ereignisfolge als Ursache-Wirkung-Beziehung einordnen zu können: (Wikipedia - Kausalität - David Hume).

Eine Aufeinanderfolge gehirnphysiologische Ereignisse → mentale Ereignisse findet nicht statt. Beide ereignen sich jeweils gleichzeitig. Sie sind auch nicht räumlich getrennt. Erstere mögen deshalb als Grund für Letztere bezeichnet werden, um das missverständliche Wort „Ursache“ zu vermeiden. Mit „Grund“ ist selbstverständlich nicht der „Erkenntnisgrund“ gemeint. Auch das von Walter verwendete Verb „realisieren“ mag angehen.

„Man könnte freilich … erwägen, nur noch im Zusammenhang mit den fundamentalsten Sukzessionsgesetzen in der Natur von Kausalität zu sprechen; mit der Begründung, dass Kausalität nur dort wirklich vorliegen würde, nicht hingegen auf allen übrigen Ebenen oder zwischen verschiedenen Ebenen.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 6)

Die Psyche ist im Prinzip nichts anderes als die ihr zugrundeliegenden neuronalen Gehirnvorgänge, nur dass sie die subjektive Perspektive, die introspektive Wahrnehmung der Gehirnprozesse ist. Jeder Philosoph oder Wissenschaftler, der im Zusammenhang mit dem Geist unbedarft von Kausalität oder Verursachung schwadroniert, sollte ganz präzise die Schnittstelle benennen, an der der immaterielle Geist seiner Phantasie zufolge von etwas Materiellem verursacht wird oder etwas Materielles verursacht.

Welchen Sinn hat dann eigentlich das sozusagen ohnmächtige Bewusstsein und warum ist es überhaupt da? Geist ist eine Begleiterscheinung der Evolution. Diese hat kein planendes Subjekt, verläuft daher ohne Intention und setzt sich keinen Zweck.

„Der Erlebnisaspekt wäre danach so etwas wie eine entbehrliche und unzuverlässig auftretende Zutat der Natur, die sich in der Evolution bis heute erhalten hat, ohne von Nutzen zu sein. Die Evolution kann eine nutzlose Begleiterscheinung durchaus lange Zeit beibehalten, wenn diese nur keinen deutlichen Nachteil mit sich bringt.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 7)

„Mit meiner Antwort auf die Frage nach der evolutionären Rolle des Bewußtseins möchte ich die stillschweigende Annahme zurückweisen, jede biologisch ererbte Eigenschaft müsse dem Organismus einen Auslesevorteil verschaffen. Das halte ich für übermäßig groben Darwinismus, und dagegen gibt es heutzutage jede Menge guter Gründe.“ (John Searle, Die Wiederentdeckung des Geistes, 1996, Seite 127)

Letztlich ist es die Aufgabe der Kognitionsforschung, zu ergründen, ob und warum der Geist eine zwangsläufige Begleiterscheinung der neuronalen Verknüpfungen im Gehirn ist.

Wenn aber der Geist nichts bewirkt, wie kommen dann etwa all die Verhaltensweisen zustande, die der Wille sich vornimmt? Das Gehirn veranlasst all dies, ohne das Bewusstsein, das laut Haynes-Experiment sowieso erst nachträglich unterrichtet wird, lang und breit zu befragen.

„Angenommen, Anna hat einen Zahnschmerz (M). Um sich von ihm zu befreien, geht sie zum Zahnarzt (P 2). Außerdem hört sie auf, Süßigkeiten zu essen (P 3). Um eintreten zu können, muss M eine physische Basis haben (P 1). Nach traditionell-epiphänomenalistischer Auffassung … ist in diesem Fall P 1 die Ursache von P 2 und von P 3, während M keine kausale Effizienz zukommt.

Wenn wir z.B. sagen ‚Der Schmerz lässt Anna stöhnen‘, so kann man dies anscheinend nicht anders als in einem kausalen Sinne verstehen. Doch auch in diesem Fall kann man eine Deutung im Rahmen eines nomologischen EP [Epiphänomenalismus] geben: ‚Der physische Zustand P 1, der notwendigerweise von M begleitet wird, lässt Anna stöhnen.‘ Ich halte diese Deutung nicht für kontraintuitiv.“
(Gadenne, a.a.O., Seiten 8/9)

Und wie erklärt der Epiphänomenalismus Erinnerungen?

„Gemäß dem EP haben vergangene Erlebnisse keinen kausalen Einfluss auf das, was wir jetzt glauben oder erinnern. Daher könnten wir völlig falsche Annahmen über vergangene phänomenale Zustände haben.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 9)

Ein Erlebnis M 1 (z.B. ein Schmerz) beruht im Gehirn zum Zeitpunkt t 1 auf einem neuronalen Zustand P 1. Die Erinnerung an dieses Schmerzerlebnis verblasst im Laufe der Zeit und bis zum Zeitpunkt t 2 entwickelt sich aus dem ursprünglichen physiologischen Zustand P 1 ein Zustand P 2. Dieser neuronale Zustand P 2 zu diesem späteren Zeitpunkt erzeugt eine reduzierte Erinnerung M 2.

„... kann der EP [Epiphänomenalismus] das Problem lösen, indem er die Kausalprozesse auf der physischen Ebene in Anspruch nimmt: Der neuronale Zustand P 1, der dem Schmerz zum Zeitpunkt t 1 zugrunde liegt, ist kausal verknüpft mit dem neuronalen Zustand P 2, auf dem die Erinnerung zum Zeitpunkt t 2 basiert.“ (Gadenne, a.a.O., Seite 10)

Gustav Theodor Fechners Identitätsansicht:

Kurze Rückblende:

Es wurde bereits angedeutet, dass die vom Epiphänomenalismus behauptete kausale Verursachung psychischer Zustände durch physische nicht der in der Natur stattfindenden physikalischen Kausalität entspricht:

„Aber auch eine kausale Verursachung mentaler Prozesse im üblichen physikalischen Sinne ist zu verwerfen.“

Und es wurde behauptet, dass das Mentale

„die subjektive Perspektive, die introspektive Wahrnehmung der Gehirnprozesse ist.“

Beidem trägt die Identitätsansicht Fechners Rechnung:

„Das Psychische ist also das aus der Perspektive der ersten Person Gegebene, während das Physische das aus der dritten Person Gegebene umfasst. Die Parallelität geht demnach nicht wie bei Leibniz auf eine gemeinsame Ursache, nämlich Gott, zurück, sondern auf das korrelierte Auftreten von perspektivisch unterschiedlichen Eigenschaften eines und desselben Eigenschaftsträgers.“ (Wikipedia - PsychophysischerParallelismus)

Michael Heidelberger hat die Position Fechners detailliert wiedergegeben. Dort findet sich folgendes Zitat aus dem Spätwerk Fechners „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“ von 1879:

„Das Materielle, Körperliche, Leibliche und durch ein Verhältnis unmittelbarer Bedingtheit daran geknüpfte Psychische, Geistige sind zwei Erscheinungsweisen desselben Wesens, ersteres die äußere für andere Wesen, letztere die innere Erscheinungsweise des eigenen Wesens, beide deßhalb verschieden, weil überhaupt Ein und Dasselbe verschieden erscheint, je nachdem es von Verschiedenem aus verschiedenem Standpunct aufgefaßt wird.“ (Michael Heidelberger - Fechner und Mach zum Leib-Seele-Problem)

Heidelberger interpretiert Fechners Standpunkt zur gänzlich fehlenden Interaktion zwischen Körper und Psyche wie folgt:

„Das Psychische ist also auf eine nicht-kausale, nicht interaktive Weise abhängig vom Physischen. Fechner wird dieses Abhängigkeitsverhältnis später „Bedingtheit“ oder „funktionale Abhängigkeit“ nennen.“

Gadenne wird es „abgeleitete Kausalität“ nennen. Dazu später mehr.

Fechner ist korrekterweise von nur einem einzigen Kausalzusammenhang ausgegangen, allerdings hat er diesen philosophisch verklausuliert, anstatt ihn richtig zu lokalisieren:

„... es ist nur ein Causalzusammenhang da, der in der einen Substanz, auf zwei Weisen, d.i. von zwei Standpuncten her, verfolgbar abläuft.“

Diese einzige Kausalität – auch wenn sie in 2 gänzlich unterschiedlichen Welten wahrgenommen werden kann – wirkt nirgendwo anders als in einer einzigen, der physikalischen Welt. Und damit schließt sich der Kreis zur Determination des gar nicht so freien Willens:

Willensfreiheit - eine mystifizierende Fiktion, die sich einem quasi-religiösen Denken verdankt

Kritik diverser philosophischer Spekulationen über das Leib-Seele-Problem - als da wären:

Borislaw Wankow: „Das Epiphänomen des Bewußtseins“

Wankow verficht den Epiphänomenalismus. Dies feit ihn nicht gegen Kritik.

Philosophie – Fragen oder Antworten:

Dankenswerterweise bemerkt Wankow an einer eher unscheinbaren Stelle im Artikel unter der Überschrift „Bewußtsein als Epiphänomen“:

„Philosophie strebt nach Wahrheit, und letztere muß nicht unbedingt mit der Mehrheitsmeinung oder unserer Intuition zusammenfallen.“

Man reibt sich verwundert die Augen, hatte sich doch Wankow noch eingangs des Artikels – um dem Leser von Anfang an den Zahn der Weisheit zu ziehen – zu folgender Aussage verstiegen:

„... sind in der Philosophie oft die Fragen wichtiger und interessanter als mögliche Antworten. Nach unserer Meinung muß die Philosophie jedoch darüber hinaus bestrebt sein, Antworten in allgemeiner Form durchzuspielen, die Grenzen der denkbaren Erklärungen abzustecken.“

Das klang ja nicht gerade nach gewollter Ermittlung der Wahrheit, eher nach pluralistisch-methodischer Wahrheitsumgehung. Und der krönende Abschluss seines Artikels ist auch nicht gerade ein Bekenntnis zur wissenschaftlichen Wahrheit. Aber dazu später mehr.

Wie auch immer – ob eine der Wahrheit verpflichtete Philosophie noch diesen Namen oder bereits den der Wissenschaft verdient? Nur mal so in den Raum gestellt.

Popper‘s Einwand gegen den Epiphänomenalismus:

Der Altmeister der Wissensnegation wird von Wankow wie folgt zitiert:

„Eine wichtige Kritik (...) ist diese: Auf Argumente und unser Abwägen von Gründen angewandt ist die epiphänomenalistische Auffassung selbstmörderisch. Denn der Epiphänomenalismus muß argumentieren, daß Argumente und Gründe nicht wirklich zählen. Sie können nicht wirklich unsere Handlungsdispositionen beeinflussen – zum Beispiel solche zu sprechen und zu schreiben – noch die Handlungen selbst. Diese sind alle auf mechanische, physikochemische, akustische, optische und elektrische Wirkungen zurückzuführen. So führt also das epiphänomenalistische Argument zur Einsicht in die eigene Belanglosigkeit. Das widerlegt noch nicht den Epiphänomenalismus. Es bedeutet lediglich, daß wir – wenn der Epiphänomenalismus wahr ist – nichts, was zu seiner Begründung als Argument zu seiner Unterstützung vorgebracht wird, ernst nehmen können.“

Anstatt nun aber den offensichtlichen Unsinn des Popper‘schen Schlusses auf die „eigene Belanglosigkeit“ zu kritisieren, bezeichnet Wankow diesen als einen der „schwerwiegendsten … Einwände gegen den Epiphänomenalismus“. Belanglos ist natürlich nicht der denkende Mensch, sondern sein Denken, präziser: das Bewusstsein vom Denken. All das Materielle, was unserem Denken zugrunde liegt, also die betreffenden gehirnphysiologischen Zustände, und damit natürlich auch ihre Träger sind keineswegs belanglos und tauschen sich sogar – wie oben angedeutet – über materiell fundierte Kommunikation aus. So kann der lausig argumentierende Vielosoph Popper, der ja schließlich seine spezielle Variante eines dualistischen Interaktionismus an den Mann zu bringen gedenkt, den Epiphänomenalismus jedenfalls nicht ad absurdum führen! Aber nein, der von Popper so infizierte Wankow gesteht beeindruckt ein:

„Selbst dieser Text, der zugunsten des Epiphänomenalismus argumentiert, wäre nicht der „reinen“ Denktätigkeit des Autors, sondern der Neurodynamik seines Gehirns entsprungen. (Man könnte sich scherzhaft fragen, welchen Sinn hat es dann überhaupt hat, ihn zu veröffentlichen.)“

Damit Wankow das Lachen über diesen Scherz nicht im Halse stecken bleibt, folgendes Resultat einer rationalen Sinnsuche: … die Rezeption des Textes durch die Neurodynamik des geneigten Lesers.

Alleingang des Bewusstseins:

Wankow räsoniert:

„Ein anderer Einwand lautet, daß ein Epiphänomenalist nicht in der Lage ist, schlüssig zu beweisen, daß er (introspektive) Kenntnis seiner eigenen Bewußtseinszustände hat. Denn die Überzeugung, daß er bewußte Erlebnisse hat, muß selbst durch introspektive Beobachtung, also durch bewußte Erlebnisse veranlaßt sein. Das käme aber gerade der Verursachung mentaler Zustände durch andere mentale Zustände gleich, was der Epiphänomenalist ablehnt.“

Das Bewusstsein erzeugt demnach („käme … gleich“) das Bewusstsein über sich selbst und der Philosoph wundert sich über dieses dem Epiphänomenalismus widersprechende Phänomen so sehr, dass er sogar in folgender abenteuerlichen These Zuflucht sucht:

„Die Überzeugung, daß man bewußt ist, wäre sozusagen a priori oder quasi „angeboren“, ohne weiter analysiert werden zu können, ohne bewirkt worden zu sein und ohne weiterer Rechtfertigung zu bedürfen. Daher wäre auch keine „mentale Verursachung“ für diese Überzeugung nötig.“

Und wenn das Bewusstsein des Bewusstseins nicht „bewirkt worden“ ist, braucht man sich praktischerweise nicht mehr um seine Herkunft zu scheren. Es sei darauf insistiert: Nicht nur das Bewusstsein, bei unterstellter genügender Komplexität des zentralen Nervensystems auch das Bewusstsein vom Bewusstsein ist gehirnphysiologisch fundiert – angeboren oder auch nicht. Wo soll es denn sonst herkommen? Der Bedenkenträger Wankow scheint hier schon wieder die zwangsläufige materielle Grundlage allen Denkens vergessen zu haben, die er selbst zuvor postulierte:

„... das Mentale eine Begleiterscheinung des Materiellen ...“

Eine Seite später fällt ihm das erstaunlicherweise wieder ein:

„Die Annahme, daß Materie eine Eigenschaft haben muß, die potentiell Bewußtsein hervorbringen kann, ist fast trivial. Das Nervensystem macht in unserer Sichtweise nämlich gerade von dieser Eigenschaft Gebrauch.“

Die Einschränkung „in unserer Sichtweise“ hätte er sich sparen können. Wissenschaft hat nichts mit einer persönlichen „Sichtweise“ zu tun. Andererseits stellt es schon eine gehörige Simplifikation dar, der abstrakten „Materie“ eine bewusstseinsbildende „Eigenschaft“ zu attestieren. Dies ist hochkomplexen (vermutlich nur zerebralen) Nervensystemen vorbehalten.

Mystifikation des Bewusstseins:

Wankow möchte nicht enden, ohne noch das Bewusstsein zu mystifizieren und so den Skeptizismus in der Philosophie und damit diese selbst zu retten. Ist schließlich sein Betätigungsfeld:

„Wir können strenggenommen immer nur das Gehirn, aber nie das Bewußtsein erforschen! Dieser Punkt hat immer wieder Anlaß zu skeptischen und agnostischen Schlußfolgerungen gegeben.“

„Strenggenommen“ kann das Bewusstsein anderer als wissenschaftlicher Gegenstand zwar nicht unmittelbar wahrgenommen werden, erforscht werden kann es schon, insbesondere seine Herkunft. Auch die Möglichkeit,

„...daß jemand behauptet, bewußt zu sein und doch unbewußt ist. Andererseits kann jemand den Anschein erwecken, unbewußt zu sein und doch bewußt sein.“

verhindert keine Bewusstseinsforschung. Wankow selbst weiß schließlich von dieser Forschung zu berichten:

„Die Erforschung und Analyse des Bewußtseins mag so manche Überraschung parat halten. Es ist aber unplausibel anzunehmen, daß sich unser Forschungsgegenstand eines Tages als nichtexistent herausstellen könnte. Es gibt einen Unterschied zwischen unbewußten oder schwach bewußten Zuständen wie Schlaf, Koma oder Narkose und unserem täglich introspektiv erlebten Wachzustand. Mehr noch, es scheint verschiedene Grade und Abstufungen von Bewußtheit zu geben, wie jeder aus eigener Erfahrung weiß.“

Und da nun mal „jeder aus eigener Erfahrung weiß“, dass es Bewusstsein gibt, kann man von sich auf andere schließen. Es sei denn, man würde postulieren, dass nur das eigene Ich existiert (Solipsismus). Dann wäre aber die gesamte Außenwelt und nicht nur exogenes Bewusstsein negiert. Das lässt sich diskutieren, die Frage ist aber, mit wem? Mit sich selbst?

Wankow instrumentalisiert das vorgebliche Forschungshindernis, um einer antiwissenschaftlichen Philosophie ein Refugium zu sichern:

„Einflußreiche „antimetaphysische" Strömungen haben immer wieder von der Philosophie strenge Wissenschaftlichkeit im Sinne empirischer Überprüfbarkeit gefordert. Sie sind in diesem Anspruch zu weit gegangen. Was bliebe denn von der Philosophie, wenn man das spekulative, metaphysische Moment aus ihr verbannen würde?“

Wo käme Wankow hin, würde man ihm sein Steckenpferd wegnehmen? Die eingangs gestellte Frage, ob eine der Wahrheit verpflichtete Philosophie noch diesen Namen oder bereits den der Wissenschaft verdient, hat Wankow jedenfalls hinlänglich beantwortet.

Volker Gadenne: „Drei Arten von Epiphänomenalismus und die Kenntnis eigener Bewusstseinszustände“

Gadenne hatte, wie an seinen oben aufgeführten Zitaten erkennbar ist, durchaus einiges Lesenswerte zum Epiphänomenalismus beizutragen und sich insofern verdient gemacht. Dies ändert aber nichts daran, dass sein Aufsatz in wesentlichen Teilen eine Intelligenzverirrung darstellt. Davon handelt das Folgende.

Problemstellung:

Gadenne präsentiert bereits in der einleitenden „Problemstellung“ Konfuses:

„Ein besonderes Problem stellen hierbei die mentalen Zustände mit einem Erlebnisaspekt dar, die unter der Bezeichnung 'phänomenale Zustände' oder 'Qualia' diskutiert werden (im Folgenden auch einfach 'Erlebnisse' genannt).“ (Gadenne, Seite 1)

Blöde Frage: Gibt es eigentlich Mentales ohne „Erlebnisaspekt“? Wohl nicht:

„Mentale Zustände wie Kopfschmerzen sind durch Erleben ausgezeichnet, es fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, etwas zu erleben.“ (Wikipedia - Geist)

Wenn man rein gar nichts erlebt, liegt der Verdacht nahe, dass man entweder bewusstlos ist oder tot – ohne Kopfschmerzen.

„Entweder fasst man Erlebniszustände als intrinsische Phänomene auf, die nicht auf physische Zustände reduziert werden können, macht es dadurch aber schwierig, ihnen eine Relevanz für unser Verhalten zusprechen zu können; im schlimmsten Fall könnten sie sich als wirkungslose Epiphänomene herausstellen. Oder man geht davon aus, dass Erlebnisse auf unser Verhalten einen kausalen Einfluss haben, scheint dann aber zu der Annahme gezwungen zu sein, dass diese Erlebnisse im Einzelfall identisch mit bestimmten physischen Zuständen sind … in beiden Fällen würde uns sozusagen der Geist verloren gehen.“ (Gadenne, a.a.O.)

Dass „Erlebniszustände als intrinsische Phänomene“, also solche, die aus eigenem Antrieb erfolgen, aufgefasst werden, kommt vor im Leibniz‘schen Psychophysischen Parallelismus, ein nicht-interaktionistischer Substanzdualismus, der allerdings höchst unausgegoren ist, weil nicht nachvollziehbar begründet werden kann, auf welche Weise Physisches und Mentales ohne wechselseitige Beziehung jeweils zeitlich abgestimmt nebeneinander herlaufen (Wikipedia - Psychophysischer Parallelismus). Den Leibniz‘schen Rückgriff auf Gott muss man sich – Gott sei Dank – nicht antun. Fechners Identitätsansicht geht nicht von intrinsischen mentalen Zuständen aus und gehört daher nicht hierher.

Dass aber die angeblich einzige Alternative („oder“) darin bestehen soll, „dass Erlebnisse auf unser Verhalten einen kausalen Einfluss haben“, womit dann ja wohl der interaktionistische Substanzdualismus gemeint sein muss, ist offensichtlich eine bewusste Irreführung. Das hätte Gadenne wohl gerne: den Epiphänomenalismus und die Identitätsansicht mal kurz unter den Teppich zu kehren. Beim Epiphänomenalismus bewirken physische Zustände bekanntlich mentale und diese sind weder „intrinsische Phänomene“, noch haben sie auf irgendwas „einen kausalen Einfluss“. Und bei der Identitätsansicht gibt es zwischen Körper und Geist Beziehungen, jedoch keinerlei Kausalität. Nur mal so zur Erinnerung, Gadenne. Eine korrekte Einführung in die alternativen Theorien zur Körper-Geist-Beziehung sieht anders aus.

Weiter im Zitat: Wenn Mentales (warum nur „im Einzelfall“?) mit Physischem identisch ist, wie sollte es dann „auf unser Verhalten einen kausalen Einfluss haben“? Wie soll denn eine Sache ohne eigenständige Existenz Kausalität verursachen? Diese resultiert doch aus dem Physischen, in dem das Mentale aufgeht. Wenn aber dieses Mentale nicht auf Materielles reduziert werden kann und außerdem – quasi mangels Substanz – der interaktionistische Substanzdualismus verworfen wird, demzufolge nur noch „wirkungslose Epiphänomene“ übrig bleiben, wieso ist dies dann gleichbedeutend mit dem „schlimmsten Fall“? Die Parteilichkeit Gadennes lässt grüßen. Entgegen seiner Befürchtung geht der Geist dabei keineswegs „verloren“, wovon er sich angesichts seines Ich-Bewusstseins sicherlich selbst überzeugen kann. Wenigstens lässt Gadenne von Anfang an keine Unklarheiten über den Zweck seines Elaborats aufkommen: nach Möglichkeit über den Epiphänomenalismus bzw. die Identitätsansicht Verwirrung zu stiften oder sie gar nicht erst zu erwähnen, indem nur abstruse Alternativen vorgestellt werden. Und wozu das Ganze? Um als eitler Philosoph den Eindruck zu erwecken, als würde man das philosophische Rad neu erfinden?

Falsche Kritik des Epiphänomenalismus:

Gardenne wendet sich zu Recht gegen den reduktiven Physikalismus wie auch gegen den interaktionistischen Substanzdualismus, um dann zwischen dem Epiphänomenalismus, der sich dann doch nicht ganz verschweigen lässt, und dem Eigenschaftspluralismus zu differenzieren:

„Der traditionelle EP [Epiphänomenalismus] suggeriert, dass die Bewusstseinszustände die einzigen wirkungslosen Dinge in der Welt wären, während alles Übrige sowohl Ursachen als auch Wirkungen hätte. Auf diese Weise wird dem Bewusstsein ein Sonderstatus in der Welt eingeräumt, und es ist dieser Sonderstatus, der das Bewusstsein dann als Anomalie … erscheinen lässt. Durch den skizzierten Eigenschaftspluralismus wird eine solche Sichtweise aber gerade nicht nahe gelegt.“ (Gadenne, Seite 5)

Und was ist gegen den so geschilderten Epiphänomenalismus einzuwenden?

„Was jedoch den traditionellen Epiphänomenalisten wie ihren Kritikern entgeht, ist die Tatsache, dass sie die Sichtweise, die Erlebnisse zu Epiphänomenen werden lässt, willkürlich und unbegründet auf einen kleinen Ausschnitt der Welt beschränken. Sie übersehen, dass man konsequenterweise dieselbe Sichtweise auf den Rest der Welt beziehen müsste. Genauer gesagt, wenn die Abhängigkeit der Zustände auf einer bestimmten Makroebene von den Zuständen auf einer Mikroebene die Phänomene auf der Makroebene zu 'Epiphänomenen' macht, dann haben wir es in der Welt unseres Alltags und auch auf den Gebieten der meisten Wissenschaften nur mit 'Epiphänomenen' zu tun (was diesen 'Epiphänomenen' dann freilich ihre Ausnahmestellung nimmt …“ (Gadenne, a.a.O.)

Nun mach aber mal halblang, Gadenne! Um den „Epiphänomenalisten“ vorzuhalten, die Leugnung der Kausalität zwischen mentalen und physischen Zustände müssten sie ja „konsequenterweise“ auf die Zusammenhänge zwischen allen physischen Zuständen übertragen, wird die physische Welt in eine „Mikroebene“ und die mentale in eine „Makroebene“ verwandelt, um den grundlegenden Unterschied zwischen Materie und Bewusstsein mal schnell unter den Teppich zu kehren. Dass dies den Kritikern des Epiphänomenalismus bisher entgangen ist, hat gute Gründe … Es bringt also gar nichts, wenn Gadenne innerhalb des Reiches der materiellen Ursachen die konkrete Bestimmung einer Verursachung zur Mikroebene und die abstrakte zur Makroebene umdefiniert:

„Wir sagen, dass ein bestimmter Makrozustand einen anderen Makrozustand verursachen würde, und zwar auch dann, wenn wir annehmen, dass diese Makrozustände von Mikrozuständen abhängig sind und man den Zusammenhang auf der Makroebene durch Annahmen auf der Mikroebene erklären kann. … Wir sagen z.B., dass der Brand in einem Gebäude durch einen Kurzschluss verursacht worden sei, obwohl man diesen Prozess durch Gesetze auf einer zugehörigen Mikroebene erklären könnte. … Zu sagen, dass z.B. ein Entschluss einer Person ihr anschließendes Verhalten verursacht habe, steht in Einklang mit dieser Redeweise ...“ (Gadenne, Seite 6)

Abstrakte physische Kausalitäten unter Berufung auf die "Redeweise" auf die mentale Ebene zu übertragen ist ein Analogieschluss ohne Analogie. Abstraktion und Bewusstsein haben keine hinreichende Ähnlichkeit für eine solche Analogie. Dem Volk auf's Maul schauen - man kann es damit auch übertreiben.

Der nachfolgenden Aufforderung Gadennes kann man sich also getrost verweigern:

„Wer es ablehnt, mentalen Zuständen den Status von Ursachen zuzugestehen, sollte konsequenterweise mit anderen Phänomenen ebenso verfahren ...“ (Gadenne, a.a.O.)

Das ganze Geschwurbel hat den Hintergrund, dass der von Gadenne präferierte Eigenschaftspluralismus sogenannte „abgeleitete“ Kausalitäten innerhalb des Mentalen und vom Mentalen auf das Physische hergeben soll:

„Ein Eigenschaftspluralismus, der das Etikett 'EP' ablehnt, kann … darauf verweisen, dass es auf der mentalen Ebene abgeleitete Kausalität gibt ...“ (Gadenne, Seite 10)

Was soll denn nun eine abgeleitete Kausalität sein? Nun, anscheinend eine, die mit derjenigen in der Natur nicht identisch ist:

„Man könnte freilich … erwägen, nur noch im Zusammenhang mit den fundamentalsten Sukzessionsgesetzen in der Natur von Kausalität zu sprechen; mit der Begründung, dass Kausalität nur dort wirklich vorliegen würde, nicht hingegen auf allen übrigen Ebenen oder zwischen verschiedenen Ebenen. Oder wir könnten vereinbaren, nur im fundamentalen Fall von 'echter' Kausalität zu sprechen und in allen anderen Fällen von abgeleiteter Kausalität …“ (Gadenne, Seite 6)

„Wir gehen zum Zweck der Analyse einmal von der Annahme aus, es sei der Nachweis gelungen, dass die abgeleitete Kausalität nicht von derselben Art ist wie die fundamentale auf der physischen Ebene …“ (Gadenne, Seite 7)

Darf man da raushören, dass „abgeleitete Kausalität“ überhaupt keine wirkliche Kausalität darstellt? Sollte man nicht vielleicht besser von „imaginärer Kausalität“ sprechen, anstatt von „abgeleiteter“?

Aussagenlogik statt Logik:

Nun steht Gadenne vor dem Problem, dass es der kausalen Verursachung durch Mentales an einem gebricht: der Logik. Auf der verzweifelten Suche nach einer pseudologischen Begründung seines Irrweges sucht er sein Heil in der Aussagenlogik. Und das geht so:

„… nomologischer EP …, wobei es eine schwächere und eine stärkere Form gibt. Entscheidend für beide ist die Annahme, dass es Gesetze gibt, die Erlebnisse mit physischen Zuständen verknüpfen. Die schwächere Variante nimmt an, dass entsprechende Gesetze typischerweise von der Form G(P → M) sind, die stärkere nimmt an, dass sie typischerweise die Form G(P ↔ M) haben …
Im Rahmen eines nomologischen EP kann man davon sprechen, dass Erlebniszustände in einem abgeleiteten Sinne Ursachen sind. Bei einem starken nomologischen EP folgt aus G(P1 → P2) zusammen mit G(P1 ↔ M) das Sukzessionsgesetz G(M → P2). Dies ermöglicht es, M als abgeleitete Ursache aufzufassen. Wir gehen zum Zweck der Analyse einmal von der Annahme aus, es sei der Nachweis gelungen, dass die abgeleitete Kausalität nicht von derselben Art ist wie die fundamentale auf der physischen Ebene; insofern kann von EP gesprochen werden. Nichtsdestoweniger kann man hier bei einem Vorkommnis von M die begründete Behauptung aufstellen: Ohne M wäre es auch nicht zu P2 gekommen.
Die letztgenannte Möglichkeit ist beim schwachen nomologischen EP eingeschränkt: P1 ist zwar hinreichend für M, doch kann es Fälle geben, in denen M ohne P1 vorkommt und P2 ausbleibt. Jedoch kann in vielen Fällen folgende Aussage wahr sein: 'Ohne M wäre es in der gegebenen Situation nicht zu P2 gekommen.' Und auch dies entspricht, in einem schwächeren Sinne, der singulären Aussage, dass M abgeleitete Ursache von P2 sei.“
(Gadenne, Seite 7)

Vorweg zur Erklärung:


Dass sich Gadenne hier – ohne ausdrücklich zu benennen, wes Geistes Kind seine argumentativen Kapriolen sind – auf die aussagenlogische Spielwiese begibt, legen folgende Aspekte nahe:


Und mit der Verwendung des Begriffs „Sukzessionsgesetz“ setzt sich Gadenne zwischen alle Stühle: Den der Kausalität, weil Sukzession nur ein Aspekt der Kausalität ist (vgl. das obige Zitat von David Hume zu den Kriterien von Kausalität: „... e1 liegt zeitlich unmittelbar vor e2 …“). Und den der Aussagenlogik, weil Implikationen nichts mit zeitlicher Aufeinanderfolge, sondern mit Bedingungen zu tun haben.

Zur Ehrenrettung Gadennes ist durchaus zuzugestehen, dass rein aussagenlogisch
Aber wenn man sich schon mal auf diesen aussagenlogischen Humbug einlässt, bleibt festzustellen, dass die hochtrabende Behauptung Gadennes –
„Ohne M wäre es auch nicht zu P2 gekommen.“
– eine glatte Lüge darstellt. Denn auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse in Aussagenlogik erschließt sich dem Leser auf Anhieb, dass ein P1 → P2 für ein P2 sorgt ohne dass es noch auf das ominöse M → P2 ankäme. Würde es sich hier um Realität anstatt Aussagenlogik handeln, ließe sich sogar von Überdetermination sprechen. Implikationen beinhalten nun einmal logische Bedingungen, nicht Kausalitäten.

Eine weitere Ungereimtheit besteht in der Äquivalenz P1 ↔ M, die ja laut Gadenne zusammen mit P1 → P2 das reichlich undefinierte M → P2 beweisen soll. Da nun aber eine Äquivalenz aus 2 zusammengesetzten Implikationen (hier P1 → M und M → P1) besteht, ist ja grundsätzlich schon das M → P unterstellt. Gadenne hätte es dabei bewenden lassen können. Wozu also – und das ist doch das Anliegen Gadennes – dann noch einen Gedanken an den Beweis von M → P2 verschwenden, wenn M → P1 und damit M → P möglich sein sollen. Und da das ganze Beweisvorhaben inklusive allgemeiner Regel nur mit der Äquivalenz P1 ↔ M, also der darin enthaltenen Implikation M → P1 funktioniert, wird per Zirkel bewiesen, was bereits unterstellt ist oder – anders ausgedrückt – die Katze beißt sich in den Schwanz!

Die folgende downloadbare Tabelle offenbart einige Zusammenhänge der Aussagenlogik sowie der Wahrheitstafeln:


ods-Icon

Aussagenlogik - OpenDocument Spreadsheet [42 KB]: Aussagenlogik.ods
Die Datei kann z.B. mit LibreOffice Calc ab Version 4 geöffnet werden, in älteren Versionen funktioniert die Kontravalenz („XODER“) nicht. Die Tabelle enthält Makros, diese müssen daher in den Einstellungen des Programms zugelassen werden. Um die Konnektoren korrekt dargestellt zu erhalten, sollte eine geeignete Unicode-Schriftart, wie etwa Arial Unicode MS, zur Verfügung stehen.


pdf-Icon

Aussagenlogik - Portable Document Format [45 KB]: Aussagenlogik.pdf
Diese statische Tabelle zeigt nur die Resultate an, nicht jedoch die Formeln. Sie kann auch nicht verändert werden.


Die Tabelle enthält auf der äußersten rechten Seite – Ehre wem Ehre gebührt – das sogenannte „Gadenne-Theorem“, einmal mit der Äquivalenz P1 ↔ M und ferner bescheidener mit der Implikation P1 → M. Und sie enthält in der drittletzten Spalte das „Gadenne-Theorem“ mit der Implikation M → P1 anstatt der Äquivalenz P1 ↔ M, was erhellt, dass die von Gadenne so hochgeschätzte Implikation M → P2 auch durchgängig erfüllt ist, wenn die Äquivalenz P1 ↔ M durch die Implikation M → P1 ersetzt wird. Was sich mit der Aussagenlogik nicht alles machen lässt …

Gadenne hat es eigentlich gar nicht verdient, dass man sein aussagenlogisches Gelabere noch mit der Realität konfrontiert. Gleichwohl: Es ist bekannt, dass etwa nach Schädel-Hirn-Traumata, insbesondere bei Schädigungen des Sprachzentrums, ausgefallene Gehirnareale durch andere ersetzt werden können, sodass die betroffenen Gehirnfunktionen aufrechterhalten bleiben (z.B. Schädel-Hirn-Trauma - Auswirkungen und Folgeschäden). Es ist ferner bekannt, dass sich die Neuronen im Gehirn ständig neu organisieren und dass generell ständig eine Zellregeneration stattfindet, ohne dass sich dadurch an der Funkton der betreffenden Gehirnregion etwas (grundlegend?) ändert. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass ein bestimmter gehirnphysiologischer Zustand zwar eine hinreichende Bedingung für einen bestimmten mentalen Zustand ist, jedoch keine notwendige („... kann es Fälle geben, in denen M ohne P1 vorkommt …“). Würden aber auch andere gehirnphysiologische Konstellationen, und seien es nur alternative Neuronenverbindungen, die ja fortwährend geknüpft werden, zum gleichen Bewusstseinsinhalt führen, wäre es aus mit der Äquivalenz P ↔ M, sogar in der Aussagenlogik.

Exkurs: Kritik der Aussagen- bzw. philosophischen Logik:

Was bringen die oben vorgestellten aussagenlogischen Scheinerkenntnisse? Mehr als nur Irreführung des Lesers? Was bringt die Aussagenlogik überhaupt?

Gegenstandpunkt – „Wissenschaftliche Bemühungen um den Ersatz des Denkens“:

„Tautologie... Das ist der Schlüsselbegriff der gesamten Aussagenlogik.“ und „Logisch korrekte Schlüsse sind epistemische Langweiler.“ (Andreas Kemmerling, Philosoph)
Vulgär ausgedrückt: was per Definition vorne reingesteckt wurde, muss hintern auch wieder rauskommen – tautologisch versteht sich.

„Wahr ist, was als wahr definiert wurde -; bei diesem Irrsinn lassen sich zwar wahr und falsch endgültig nur noch durch den Namen, also gar nicht unterscheiden – andere Logiker, denen diese beiden "Wahrheitswerte" zu wenig waren, sind übrigens ganz ernsthaft und ganz in diesem Sinne auf den Witz verfallen, die "Wahrheitswerte" "fahr" und "walsch" zu definieren …“ (Gegenstandpunkt, l. Die Junktoren...)
Das kann sich ein ordinäierter Logiker wohl kaum erlauben, schon um nicht seine Staatsknete zu gefährden. Als solcher kann man ruhig Nonsens verbreiten (dieselben Schwachmaten hocken ja in der Kultusbürokratie), solange man diesen nicht auch noch öffentlich durch den Kakao zieht.

„Die Wahrheitstafel ist also nicht bloß die Definition eines für sich genommen bedeutungslosen Zeichens durch die Regel seiner Anwendung – darin unterscheidet sich übrigens ein solches 'logisches Zeichen' in nichts von einer Schachfigur –, sondern weil der Logiker so frei war, regelgemäß mit 'wahr' zu identifizieren, lässt sich nun diese Anwendungsregel für das Hakerl als ein Verfahren betrachten, das bei der Klärung der Wahrheit von Aussagen dienlich ist. Kommt nämlich ein logischer Zusammenhang durch die Anwendung eines Satzverbinders zustande, wie der Logiker in seinem Konstruktionswahn meint, dann lässt sich seine Wahrheit an der regelgerechten Verwendung dieses Verbinders ablesen – ein Blick auf die Wahrheitstafel genügt, und ohne Nachdenken ist die Wahrheit einer Aussage überprüft.
Was da überprüft wird, ist damit freilich auch nicht mehr die logische Wahrheit von Urteilen: Innerhalb des Konstrukts und nur da kann man nun darauf aufpassen, dass alles in Ordnung geht …“
(Gegenstandpunkt, a.a.O.)

„Zweck und Nutzen dieser Geistesanstrengung ist nämlich sie selbst …“ (Gegenstandpunkt, Übung macht den Meister)

„Solange nämlich die Logiker den theoretischen Widerspruch ihres Geschäfts, die Wahrheit von Urteilen und Schlüssen überprüfen zu wollen, indem sie die Wahrheit von ihrem Inhalt trennen, als Problem und Aufgabe verhandeln, ist der Fortschritt dieser Disziplin gesichert. Der Wahn, ein Verfahren konstruieren zu müssen, das es erlaubt, „Aussagen“ zu beurteilen, ohne deren Inhalt zu beurteilen, schließt nämlich nicht nur die Willkür der Konstruktion und der Festlegung von Spielregeln ein. Das Konstrukt soll nachher als Maßstab taugen für „Aussagen“, die sich nach dessen immanenten Gesetzmäßigkeiten gar nicht richten, sich also an diesem konstruierten Maßstab gar nicht messen lassen …“ (Gegenstandpunkt, An der Forschungsfront)

Arthur Schopenhauer – Kritik der philosophischen Logik (nicht Aussagenlogik!) in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, Band I - Kapitel 11 - § 9:

„... die Logik nie von praktischem Nutzen, sondern nur von theoretischem Interesse für die Philosophie seyn kann. … Sie ist nämlich bloß das Wissen in abstracto Dessen, was Jeder in concreto weiß. Daher, so wenig als man sie braucht, einem falschen Räsonnement nicht beizustimmen, so wenig ruft man ihre Regeln zu Hülfe, um ein richtiges zu machen, und selbst der gelehrteste Logiker setzt sie bei seinem wirklichen Denken ganz bei Seite. … Sie ist das allgemeine, durch Selbstbeobachtung der Vernunft und Abstraktion von allem Inhalt erkannte und in der Form von Regeln ausgedrückte Wissen von der Verfahrungsweise der Vernunft. Dieser aber ist jene Verfahrungsweise nothwendig und wesentlich: sie wird also in keinem Fall davon abweichen, sobald sie sich selbst überlassen ist. Es ist daher leichter und sicherer, sie in jedem besondern Fall ihrem Wesen gemäß verfahren zu lassen, als ihr das aus diesem Verfahren erst abstrahirte Wissen davon, in Gestalt eines fremden von Außen gegebenen Gesetzes, vorzuhalten. … Daher kommt das Sonderbare, daß, wenn man in andern Wissenschaften die Wahrheit des einzelnen Falles an der Regel prüft, in der Logik umgekehrt die Regel immer am einzelnen Fall geprüft werden muß: und auch der geübteste Logiker wird, wenn er bemerkt, daß er in einem einzelnen Falle anders schließt als eine Regel aussagt, immer eher einen Fehler in der Regel suchen, als in dem von ihm wirklich gemachten Schluß. Praktischen Gebrauch von der Logik machen wollen, hieße also Das, was uns im Einzelnen unmittelbar mit der größten Sicherheit bewußt ist, erst mit unsäglicher Mühe aus allgemeinen Regeln ableiten wollen: es wäre gerade so, wie wenn man bei seinen Bewegungen erst die Mechanik, und bei der Verdauung die Physiologie zu Rathe ziehen wollte …“

Wer noch daran zweifelt, dass die Aussagenlogik mit der Realität und Kausalitäten herzlich wenig zu tun hat, dem sei folgendes Wikipedia-Zitat zur Implikation „A → B“ empfohlen:

„Diese wahrheitsfunktionale objektsprachliche Implikation wird unter anderem materiale Implikation, Subjunktion oder (zunehmend) Konditional genannt. Sie drückt die hinreichende Bedingung aus, das heißt, sie behauptet keinerlei kausalen oder sonstigen inhaltlichen Zusammenhang zwischen A und B.“ Wikipedia – Implikation

Sven Walter: „Ist der Epiphänomenalismus absurd? Ein frischer Blick auf eine tot geglaubte Position“

Diskordanter Prolog:

Gleich zu Beginn seines Aufsatzes und ohne ein einziges Argument dafür geliefert zu haben, demonstriert Walter unmissverständlich seine antiwissenschaftliche Voreingenommenheit:

„Dass unsere Überzeugungen, Wahrnehmungen, Absichten usw. unser Tun kausal beeinflussen, ist kaum zu bestreiten.“ (Seite 1)

Man erinnere sich: dies schreibt derselbe Sven Walter, der oben wie folgt zitiert wurde:

„Natürlich scheinen wir wahrzunehmen, dass mentale Zustände andere mentale oder physikalische Zustände verursachen (etwa wenn wir ein Argument durchdenken und ein Gedanke zum nächsten führt oder wenn ein stechender Schmerz dazu führt, dass wir zusammenzucken). Allerdings nehmen wir in solchen Fällen nur die Abfolge dieser Ereignisse wahr, nicht die kausale Natur dieser Abfolge – das Vorliegen oder nicht-Vorliegen einer Kausalrelation ist unserer Wahrnehmung unzugänglich …“

Und eine solchermaßene Diskordanz scheint für Walter nicht reputationsgefährdend, sondern scheint bei ihm schon eher System geworden, schreibt er doch wenige Zeilen danach (immer noch auf Seite 1) ungeniert:

„Es scheint als sei unser Tun durch unsere Überzeugungen, Wahrnehmungen, Absichten usw. kausal bestimmt, aber in Wirklichkeit sind psychophysische Ereignisabfolgen – Schmerz gefolgt von Stöhnen, Angst gefolgt vom Ansteigen des Blutdrucks, der Wunsch gefolgt vom Griff zum Telefon usw. – das Resultat zugrunde liegender neurophysiologischer Kausalprozesse. Das Mentale ist nicht Ursache unseres Verhaltens, sondern seinerseits eine Wirkung dessen neurophysiologischer Ursachen …“ (a.a.O.)

So wurde aus einem unbestreitbaren Faktum binnen weniger Sätze ein widerlegter Schein. Wohl dem, der sich nicht um solche Widersprüche zu scheren braucht.

Urheberschaft und Autonomie:

Walter lässt dann die Kritiker des Epiphänomenalismus mit folgendem falschen Argument zu Wort kommen:

„... dass unser gesamtes Selbstverständnis als Urheber unserer Handlungen durch und durch illusorisch sein soll, erscheint ganz einfach absurd.“ (Seite 3)

Wir sollen also nicht „Urheber unserer Handlungen“ sein, nur weil unser Bewusstsein nichts bewirkt? Wer, wenn nicht wir selbst, handelt dann für uns? Das Clockwork Orange? Wenn uns unsere Gene steuern oder alle möglichen Umwelteinflüsse, Eltern, Mitmenschen, Staat, die Neuronen in unserem Gehirn, wenn wir also letztendlich komplett dem Determinismus unterliegen, all dies ändert anscheinend nichts an unserer Autonomie. Aber sobald das Bewusstsein als Ursache unseres Verhaltens verneint wird, sind wir nur noch willfährige Statisten? Oder mit den verhaltenen Worten Walters:

„Der Epiphänomenalismus kratzt an unserem Selbstverständnis nicht stärker als jede andere Theorie, die akzeptiert, dass das, was in unserem Geist vorgeht, letztlich von dem abhängt, was in unserem Gehirn passiert.“ (a.a.O.)

Walter fährt fort, dezent den Finger in die Wunde der Intuition zu legen:

„Neuere Forschungen in den Kognitions- und empirischen Sozialwissenschaften scheinen zu zeigen, dass es um uns als autonome Akteure, die Herr über ihr eigenes Tun und ihre Motive dafür sind, sowieso schlecht bestellt ist, indem sie aufdecken, dass viele unserer Handlungen nicht durch bewusste Denkinhalte, sondern unbewusst gesteuert werden.“ (Seite 4)

Anscheinend nicht nur „viele unserer Handlungen“, sondern alle. Man denke an das Haynes-Experiment, das aber auch nur zeigt, dass das Bewusstsein generell mit den neuronalen Prozessen, die mit dem Bewusstseinsinhalt in Beziehung stehen, nicht Schritt halten kann. Dass das Bewusstsein als immaterielles, rein subjektives Phänomen in der materiellen Welt nichts bewirken kann, weder rechtzeitig noch verspätet, wird man sich aber schon unabhängig von Experimenten logisch erschließen müssen.

Aussagenlogische Irrwege:

Nun setzt sich Walter mit einem Argument Ansgar Beckermanns auseinander, das da lautet:

„... Epiphänomenalismus … diese Position … impliziert … , dass das gesamte Leben auf dieser Welt genauso ablaufen würde, wie es jetzt abläuft, wenn kein Mensch und kein Tier je bewusste Erlebnisse, Überzeugungen und Wünsche hätte. Und dies scheint zumindest hochgradig kontraintuitiv.“ (Ansgar Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Seite 47)

Ja ja, derselbe Beckermann, der bereits im Zusammenhang mit der angeblichen Willensfreiheit unrühmlich aufgefallen ist!

Walter steht nicht an, auch mit einem „impliziert“ zurückzukeilen:

„Der Epiphänomenalismus ist verträglich damit (er impliziert sogar), dass unser Tun und die Welt anders verlaufen wären, wären wir keine geistbegabten Wesen gewesen. Das Mentale soll eine Wirkung der neurophysiologischen Ursachen unseres Verhaltens sein, und da Ursachen ohne ihre Wirkungen nomologisch unmöglich sind, implizierte ein Fehlen mentaler Zustände ein Fehlen der neurophysiologischen Ursachen unseres Verhaltens und mithin ein Fehlen unseres Verhaltens.“ (Seite 6)

Dieser Streit soll hier nicht entschieden werden, es ist aber schon angezeigt, bescheiden darauf hinzuweisen, dass beide Autoren mit Unterstellungen arbeiten, die sie nicht imexplizieren. Beckermann unterstellt, dass die dem Mentalen zugrundeliegenden gehirnphysiologischen Prozesse das Verhalten nicht beeinflussen und Walter unterstellt das Gegenteil: „Das Mentale soll eine Wirkung der neurophysiologischen Ursachen unseres Verhaltens sein …“). Walter verheimlicht dem Leser, woher er diese These nimmt, entführt ihn aber in die Abgründe der Aussagenlogik – und als kleines Schmankerl – in die Welt(en) des Kontrafaktische Konditionals (Wikipedia - Kontrafaktisches Konditional).

Das komplette Zitat erst einmal im Zusammenhang zum gefälligen Irrewerden:

„Den von David Lewis (1973) vorgeschlagenen Wahrheitsbedingungen kontrafaktischer Konditionale zufolge gilt: „Wenn p der Fall gewesen wäre, dann wäre auch q der Fall gewesen“ ist in einer möglichen Welt w genau dann wahr, wenn es (1.) entweder keine p-Welten gibt; oder (2.) eine p-Welt, in der q wahr ist, w ähnlicher ist als jede p-Welt, in der q nicht wahr ist. Taylor skizziert zweifelsohne eine mögliche Welt, in der Antezendens und Konsequens des kontrafaktischen Konditionals
(1) Unser Tun und die Welt wären selbst dann so verlaufen, wie sie verlaufen sind, wenn wir keine geistbegabten Wesen gewesen wären.
wahr sind. Das spricht aber nur dann für die Wahrheit von (1), wenn diese Welt der aktualen Welt ähnlicher ist als jede Welt, in der das Antezedens wahr, das aber Konsequens falsch ist. Ähnlichkeitsabschätzungen zwischen möglichen Welten sind problematisch, aber eine mögliche Welt, in der neurophysiologische Zustände samt ihren mentalen und behavioralen Wirkungen ganz einfach nicht auftreten, scheint der aktualen Welt doch gewiss ähnlicher zu sein als eine Welt, in der diese neurophysiologischen Zustände samt ihren mentalen Wirkungen nicht auftreten, aber durch andere neurophysiologische Zustände, die in der aktualen Welt nicht auftreten, jedoch exakt dieselben behavioralen Wirkungen hervorrufen, ersetzt werden.“
(Seite 7/8)

Nun hat also auch Walter – wie zuvor schon Gadenne – seinen Auftritt in Aussagenlogik. Bevor nun dieser faule Zauber detailliert auseinanderklamüsert wird, ein kurzer Hinweis: Das Zitat ist ja eine Reaktion auf den Disput zwischen Walter und Beckermann über die Folgen einer Nichtexistenz des Mentalen. Anstatt nun auf die Suche nach gehirnphysiologischen Argumenten für die eine oder andere Position zu gehen, betreibt Walter hier diejenige geistige Onanie, die er als Philosoph gelernt hat, um das Publikum zu beeindrucken. Dass dabei der Erkenntnisgewinn gleich Null ist, verwundert angesichts der obigen Klarstellungen zur Aussagenlogik nicht im Geringsten. Hirnforschung lässt sich halt nicht mit aussagenlogischen Tricks betreiben.

Die Nichtexistenz des Mentalen ist ja eine Annahme, die der Wirklichkeit widerspricht. Man kann sie hochtrabend als kontrafaktische Aussage bezeichnen. Das von Walter erwähnte kontrafaktische Konditional betrifft schlicht Aussagen der Form „Wenn … der Fall wäre, dann wäre …".

„Im Vordersatz oder Antezedens wird also eine Situation beschrieben, die so nicht geschehen ist, aber doch hätte geschehen können (s. a. Kontrafaktizität). Im Nachsatz oder Sukzedens werden Konsequenzen aus dieser Situationsbeschreibung gezogen.“ (Wikipedia - Kontrafaktisches Konditional)

Was nun in einem speziellen Fall eines Vordersatzes im Nachsatz zu stehen hat, kann diese Definiererei natürlich nicht klären – es kommt halt drauf an. Beispiel:

Wenn die dem Mentalen zugrundeliegenden gehirnphysiologischen Prozesse das Verhalten nicht beeinflussen (Beckermann) könnte das Kontrafaktual lauten:
Wenn es kein Bewusstsein gäbe, würde das gesamte Leben auf dieser Welt genauso ablaufen, wie es realiter abläuft.
Und wenn umgekehrt die dem Mentalen zugrundeliegenden gehirnphysiologischen Prozesse das Verhalten beeinflussen (Walter) könnte das Kontrafaktual lauten:
Wenn es kein Bewusstsein gäbe, würde das gesamte Leben auf dieser Welt anders ablaufen, als es realiter abläuft.

Logo. Alles so selbstverständlich, dass es geradezu Zeitverschwendung ist, darauf hinzuweisen. Walter scheut sich nun aber nicht, die Zeit des Lesers mit einem überflüssigen Rückgriff auf die aussagenlogische Implikation zu verschwenden. Es sei wiederholt, da sicher schon längst verdrängt:

„‘Wenn p der Fall gewesen wäre, dann wäre auch q der Fall gewesen‘ ist in einer möglichen Welt w genau dann wahr, wenn es (1.) entweder keine p-Welten gibt; oder (2.) eine p-Welt, in der q wahr ist, w ähnlicher ist als jede p-Welt, in der q nicht wahr ist.“ (Seite 7)

Lässt man mal dieses ganze nichtsnutzige „Welt“-Gefasel (erinnert an James Bond, „Die Welt ist nicht genug“) weg, bleibt übrig:

‘Wenn p der Fall gewesen wäre, dann wäre auch q der Fall gewesen‘ ist genau dann wahr, wenn (1.) entweder p falsch ist oder (2.) p und q wahr sind, nicht aber, wenn p zwar wahr, q jedoch nicht wahr ist.

Und das ist glasklare aussagenlogische Implikation. Es sei auf die Wahrheitstabelle in der oben zur Verfügung gestellten Tabelle „Aussagenlogik“ verwiesen. Walter möchte nun mit dieser Quasi-Erkenntnis die folgende (der Widerlegung harrende) Aussage Beckermanns konfrontieren:

„(1) Unser Tun und die Welt wären selbst dann so verlaufen, wie sie verlaufen sind, wenn wir keine geistbegabten Wesen gewesen wären.“

Um die richtig einordnen zu können, muss sie erst mal umgedreht werden:

Wenn wir keine geistbegabten Wesen gewesen wären, wären unser Tun und die Welt so verlaufen, wie sie verlaufen sind.

Darauf die Implikation angewendet bedeutet im Einzelnen (wobei die von Walter gewählte, verdrehte Reihenfolge beibehalten wird):


Und was fängt Walter nun mit diesen berauschenden aussagenlogischen Resultaten an?

„Das spricht aber nur dann für die Wahrheit von (1), wenn diese Welt der aktualen Welt ähnlicher ist als jede Welt, in der das Antezedens wahr, das aber Konsequens falsch ist.“

„… das aber Konsequens falsch ist“? Soll offensichtlich heißen: „... aber das Konsequens falsch ist.“ Dass dies beim Korrekturlesen übersehen wurde, überrascht jetzt nicht wirklich. Wer tut sich so was schon an? Wahrscheinlich nicht einmal der Autor.

Das Zitat soll wohl frei übersetzt nichts anderes heißen als: Die Ausgangsthese Beckermanns – mit „das“ ist die 1. Variante der Implikation gemeint – ist nur dann (eventuell/mutmaßlich – „spricht … für“??) wahr, wenn sie der Realität näher kommt bzw. richtiger erscheint („der aktualen Welt ähnlicher“), als die Walter-These. Wer hätte das gedacht? Wofür Aussagenlogik nicht alles gut sein kann.

Und nachdem Walter der Entscheidung über den Disput am philosophischen Wühltisch noch keinen Schritt näher kam und das ganze Vorspielgeplänkel letztlich unbefriedigend blieb, will er endlich zum Schuss Schluss kommen:

„... eine mögliche Welt, in der neurophysiologische Zustände samt ihren mentalen und behavioralen Wirkungen ganz einfach nicht auftreten, scheint der aktualen Welt doch gewiss ähnlicher zu sein als eine Welt, in der diese neurophysiologischen Zustände samt ihren mentalen Wirkungen nicht auftreten, aber durch andere neurophysiologische Zustände, die in der aktualen Welt nicht auftreten, jedoch exakt dieselben behavioralen Wirkungen hervorrufen, ersetzt werden.“

Nochmals zur Klarstellung: Walter unterstellt unbewiesen, dass die dem Mentalen zugrundeliegenden gehirnphysiologischen Prozesse auch das Verhalten beeinflussen. Da er nun seiner These – wenn auch mangels Argumenten ziemlich vage – zum Sieg verhelfen möchte („scheint der aktualen Welt doch gewiss ähnlicher zu sein“), versteigt er sich zu dem Trick, der ungeliebten Beckermann-These seine Unterstellung unterzujubeln, um dann zu triumphieren: wenn man sich schon das Bewusstsein und damit auch das damit verbundene Verhalten wegdenkt, wie könnte dann im Sinne Beckermanns die Welt unverändert bleiben? Da müsste man ja neue neurophysiologische Zustände hinzukonstruieren, die das eliminierte Verhalten Eins-zu-eins ersetzen. Und dies erscheint Walter – seiner Unterstellung sei‘s gedankt – doch wahrlich an den Haaren herbeigezogen. Hätte er das nicht von Anfang an haben können – ganz ohne aussagenlogischen Firlefanz und aufgeblasene Welteninflation?

Exkurs: materiale Implikation:

Die Aussagenlogik macht sich‘s mit der Implikation leicht. Ganz salopp wird mit Prämisse → Konklusion eine Wenn-dann-Relation behauptet, die die Konklusion allein von der Prämisse abhängig macht. Wikipedia (Paradoxien der materialen Implikation) wählt folgendes Beispiel:

„Wenn es jetzt regnet, dann nehme ich einen Regenschirm mit“.

Wikipedia erwähnt dort nur bezüglich 3. und 4. Variante der Implikation die Paradoxie:

„Wenn es also nicht regnet, ist die Aussage "Wenn es jetzt regnet, dann nehme ich einen Regenschirm mit" in beiden Fällen wahr: gleich, ob ich dann einen Regenschirm mitnehme oder aber nicht.“

Nicht thematisiert werden aber die schlichten Fragen:
Wenn ich aber gar nicht aus dem Haus gehe, wohin nehme ich dann einen Regenschirm mit?
Und wenn ich keinen Regenschirm habe, was nehme ich dann mit?
Die Fragen ließen sich beliebig fortsetzen. Der Witz der (nicht nur materialen) Implikation, dass eine Prämisse eine hinreichende Bedingung für die Konklusion ist, löst sich in Wohlgefallen auf. Die Prämisse ist keine hinreichende Bedingung mehr, es treten mehr und mehr zu berücksichtigende Bedingungen hinzu, wie etwa die Absicht, aus dem Haus zu gehen, der Besitz eines Regenschirms oder der „Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien“ (Wikipedia-Schmetterlingseffekt), ohne den es vielleicht gar nicht regnen würde. Alle diese im wirklichen Leben notwendigen Voraussetzungen oder Bedingungen der Konklusion werden mit der Implikation, die nur eine angeblich hinreichende Bedingung aus diesem Universum von Bedingungen herausklaubt, ignoriert. Es wird konkludent vorgegeben, alle Bedingungen für das Resultat seien erfüllt und es käme nur noch auf diejenige Bedingung an, die in der Prämisse als die nun hinreichende vorgestellt wird. Das mag im Alltagsleben akzeptabel sein, um sich Zeit mit schier endlosen Erläuterungen zu sparen, mit der von der materialen Implikation vorgespiegelten Präzision ist es aber nicht sehr weit her.

„Bedingung ist immer nur eine von vielfältigen Momenten, Beziehungen, in denen die Sache steht. Es gibt immer auch noch andere Bedingungen. … Nur der vollständige Umkreis der Bedingungen bringt die Sache tatsächlich hervor. Zugleich haben die Dinge, die als Bedingungen angegeben werden, als solche gar keinen Zusammenhang, sind verstreute Umstände, so dass man nie weiß, wann die Aufzählung fertig ist.“ (Hegels Wissenschaft der Logik, Nr. 5.3.)

Mit der wissenschaftlichen Erklärung einer Sache haben Bedingungen also schon gleich gar nichts zu tun.

Evolution und Selektion:

Dem gegen den Epiphänomenalismus gerichteten Einwand seiner Kritiker -

„Der wohl prominenteste Einwand gegen den Epiphänomenalismus besagt, dass Bewusstsein das Resultat eines natürlichen Selektionsprozesses ist, dies aber nur möglich ist, wenn es einen kausalen Einfluss auf unser Verhalten hat.“

– begegnet Walter erst mal souverän –

„In Erwiderung auf dieses Evolutionsargument wird üblicherweise zunächst darauf verwiesen, dass im Verlauf eines natürlichen Selektionsprozesses auch Merkmale ausgebildet werden können, die evolutionär neutral (oder gar nachteilig) sind, so lange sie mit einem entsprechend vorteilhaften Merkmal korreliert sind …“

– um dann zu mosern:

„… letztlich aber ausschließlich solche neurophysiologischen Strukturen ausgebildet wurden, die mit Bewusstsein als Nebenprodukt einhergehen … . Ist es nicht furchtbar unplausibel, dass es keine Alternativen zu unseren neurophysiologischen Strukturen gab, die evolutionär ebenso vorteilhaft waren, aber nicht mit Bewusstsein einhergingen, wenn Bewusstsein tatsächlich keinerlei Einfluss auf irgendetwas hat?“

In unzähligen Publikationen wird der Gehirnforscher John-Dylan Haynes wie folgt zitiert:

„Viele Prozesse im Gehirn laufen unbewusst ab - wir wären sonst schon mit alltäglichen Aufgaben der Sinneswahrnehmung und Bewegungskoordination völlig überfordert. Von unseren Entscheidungen aber glauben wir in der Regel, dass wir sie bewusst fällen. Diese Annahme ist mit unserer Studie in Frage gestellt“
(zum Beispiel Süddeutsche Zeitung – „Das Bewusstsein kommt später")

Wo bleibt denn hier die von Walter angeprangerte Unplausibilität und das von ihm so gepriesene Bewusstsein? Je mehr man nach ihm forscht, desto mehr verdünnisiert es sich. Und Walter weiß dies sehr wohl selbst. Muss er wirklich an seine oben bereits zitierte Feststellung auf Seite 4 seines Elaborats erinnert werden:

„Neuere Forschungen in den Kognitions- und empirischen Sozialwissenschaften scheinen zu zeigen, dass es um uns als autonome Akteure, die Herr über ihr eigenes Tun und ihre Motive dafür sind, sowieso schlecht bestellt ist, indem sie aufdecken, dass viele unserer Handlungen nicht durch bewusste Denkinhalte, sondern unbewusst gesteuert werden.“

Aber Walter belässt es nicht bei solchen Widersprüchlichkeiten:

„… müssen wir im Fall unseres Bewusstseins die Tatsache, dass das evolutionär vorteilhafte Merkmal notwendigerweise mit einem evolutionär neutralen oder nachteiligen Merkmal einhergeht, als nicht weiter erklärbares factum brutum akzeptieren.“ (Seite 11)

Walter weiß sehr wohl, dass der Epiphänomenalismus einen kausalen Einfluss des Bewusstseins auf irgendetwas bestreitet. Wie sollte ein solchermaßen definiertes Bewusstsein in der Evolution „nachteilige“ Wirkungen entfalten? Aber es kommt noch schlimmer. Mit dem Begriff „factum brutum“ (gemeint ist damit eine Tatsache, die keine Erklärung zulässt), mit dem er die evolutionäre Herausbildung von Bewusstsein als Nebenprodukt bedenkt, verwandelt er ein Forschungsdefizit in ein prinzipielles Mysterium der Bewusstseinsentstehung. Ein solcher Anflug von Skeptizismus steht der wissenschaftsfeindlichen Philosophie ja gut zu Gesicht. Walter lässt nicht locker:

„… es erscheint schon merkwürdig, dass Bewusstsein das einzige ko-selektierte Merkmal sein sollte, das nicht nur evolutionär nicht vorteilhaft, sondern völlig ohne Einfluss auf das Verhalten seiner Träger ist.“ (a.a.O.)

Woher will Walter das eigentlich wissen, aus der Verhaltensgenetik oder aus dem Kaffeesatz? Er erwähnt selbst,

„… dass im Verlauf eines natürlichen Selektionsprozesses auch Merkmale ausgebildet werden können, die evolutionär neutral oder nachteilig sind.“ (Seite 10)

Wieso sollte es dann nicht möglich sein, dass physiologische Änderungen nicht nur evolutionär neutral, sondern sogar verhaltensneutral sind? Greift Verhalten nicht zwingend in den Verlauf der Evolution ein? Anders gefragt: ist evolutionäre Stabilität ohne Verhaltensstabilität überhaupt denkbar? Hängt in der Evolution nicht immer alles mit allem in einem universellen Kausalnexus zusammen? Und selbst wenn Walter mit seiner Unterstellung Recht haben sollte, kann der Merkwürdigkeit schon abgeholfen werden. Das Bewusstsein ist nun einmal das einzige immaterielle evolutionäre Produkt. Und da nicht nachvollziehbar ist, wie Immaterielles und Materielles interagieren … – man wiederholt sich. Die Identitätsansicht veranschaulicht den Zusammenhang zwischen beiden.

Unerwünschtes Umdenken:

Walter findet gegen den Epiphänomenalismus ein neues Haar in der Suppe – überflüssigerweise:

„Ein weiterer Einwand gegen den Epiphänomenalismus lautet, die kausale Unwirksamkeit des Mentalen untergrabe unsere Rechtfertigung für die Überzeugung, dass unsere Mitmenschen über ein ähnliches mentales Leben verfügen wie wir … die Beobachtung, dass unsere Mitmenschen ein ähnliches Verhalten zeigen, rechtfertigt uns in der Überzeugung, dass sie sich ihn ähnlichen mentalen Zuständen befinden, weil wir von ähnlichen behavioralen Wirkungen auf ähnliche mentale Ursachen schließen dürfen“ (Seite 13).

Walter referiert eine angebliche Erwiderung des Epiphänomenalismus –

„Statt von ähnlichem Verhalten auf ähnliche mentale Zustände als Ursache zu schließen, schließen wir ihm zufolge auf ähnliche neurophysiologische Zustände als Ursachen des Verhaltens und von dort aus weiter auf ähnliche mentale Zustände als weiteren Wirkungen dieser neurophysiologischen Zustände …“ (Seite 14).

– nur kommt sie ihm nicht zupass:

„Bei der Zuschreibung von mentalen Zuständen zu anderen kommt Verhalten eine wesentliche Rolle zu, der Annahme, dass sie sich in ähnlichen neurophysiologischen Zuständen befinden, hingegen scheinbar überhaupt nicht …“ (a.a.O. )
und
„Wie oft haben wir beobachtet, dass neurophysiologische Zustände, die den unseren ähnlich waren, gefolgt wurden von mentalen Zuständen, die den unseren ähnlich waren?“ (Seite 15)
und
„Es bleibt jedoch die Tatsache, dass der alternative Rechtfertigungsprozess des Epiphänomenalismus einen zu rechtfertigenden Schluss mehr beinhaltet als der übliche Analogieschluss und damit epistemisch unsicherer ist.“ (a.a.O.)

Walter erzeugt hier Verwirrung, indem er 2 Paar Stiefel vermengt. Wer darf „von ähnlichen behavioralen Wirkungen auf ähnliche mentale Ursachen schließen“? Wer ist „wir“? Der gemeine Mensch oder der Wissenschaftler? Ist das Gegenargument des Epiphänomenalismus eine wissenschaftliche Handlungsanweisung oder eine Schilderung der üblichen menschlichen Schlussfolgerungen aus dem Verhalten anderer? Letzteres wohl nicht – wer interessiert sich schon für die „neurophysiologischen Zustände“ seiner Mitmenschen, wenn er Schlussfolgerungen aus ihrem Verhalten ziehen will? Wenn also diesem Argument entgegengehalten wird, dass dergleichen im realen Leben nicht passiert, ist der Triumph mehr als billig. Wenn es sich hingegen um ein an das wissenschaftliche Verständnis appellierendes Argument handelt, wird man es schwerlich mit dem Einwand aushebeln können, dass es „einen zu rechtfertigenden Schluss mehr beinhaltet als der übliche Analogieschluss“: Damit wird ja wohl der wissenschaftliche Diskurs nicht überfordert sein.

Und die angeblich durch den Verweis auf die Neurophysiologie heraufbeschworene „epistemische“ (gemeint ist wohl „epistemologische“ = „erkenntnistheoretische“ – ein hier höchst deplatzierter Begriff) Unsicherheit ist jetzt auch nicht gerade ein Drama. Denn woher soll das Mentale denn stammen, wenn nicht aus dem Gehirn? Mit einer solchen Unsicherheit lässt sich gut leben. Und was den gemeinen Menschenverstand betrifft, der muss gar nicht umdenken, weil der Epiphänomenalismus – anders als etwa der reduktive Physikalismus – die Existenz des Bewusstseins gar nicht leugnet – nur eben das Denken als Zwischenschritt zum Verhalten. Aber mit solchen Feinheiten nimmt‘s der Mensch außerhalb philosophischer Seminare nicht so genau.

Ironischerweise führt Walter seine Argumentation am Ende dieses Kapitels selbst ad absurdum, indem er eingesteht:

„Der Vorwurf, der Epiphänomenalismus hätte keine Rechfertigung für unseren Glauben an das Fremdpsychische, weil ihm der übliche Analogieschluss verwehrt bleibt, ist natürlich nur dann stichhaltig, wenn dieser Analogieschluss seinerseits eine adäquate Rechtfertigung für unseren Glauben an das Fremdpsychische darstellt. Das ist jedoch nur dann der Fall, wenn bereits vorausgesetzt wird, dass Verhalten mentale Ursachen hat, d.h. dass der Epiphänomenalismus falsch ist.“ (Seite 16)

Walters obige Kritik am Epiphänomenalismus hatte also zur Voraussetzung, „dass der Epiphänomenalismus falsch ist.“ Unerhört! Über die Toten soll man doch nichts Schlechtes mehr sagen – selbst wenn ihr Tod noch gar nicht amtlich festgestellt ist. Hoffentlich hat sich niemand der Illusion hingegeben, Walters Kritik könnte als Widerlegung des Epiphänomenalismus gedacht sein …

Kausalitätsgrab des Epiphänomenalismus:

Dankenswerterweise hält Walter dem Epiphänomenalismus dessen widersprüchlichen Umgang mit der Kausalität vor:

„Dem Epiphänomenalismus zufolge verursachen physikalische Ereignisse sowohl andere physikalische Ereignisse als auch mentale Ereignisse. Irgendwelche Annahmen über die Natur physikalisch-physikalisch und physikalisch-mentaler Verursachung muss der Epiphänomenalismus also machen.“ (Seite 19)

„Selbst wenn es gelänge, für den Bereich des Physikalischen einen starken kausalen Realismus zu verteidigen, ist dies offenbar unmöglich, wenn es um physikalisch-mentale Verursachung geht. Wie sollen neurophysiologische Ereignisse … mentale Ereignisse verursachen, wenn Verursachung im Sinne eines starken kausalen Realismus verstanden wird?
… Der Epiphänomenalismus postuliert ‚kausale Sackgassen’ in Gestalt unidirektionaler physikalisch-mentaler Kausalketten. Wenn Kausalität in der Übertragung von Energie, Impuls usw. besteht, müsste es folglich zu einem unplausiblen Verlust von Energie bzw. Impuls (oder was auch immer im Rahmen einer kausalen Interaktion übertragen werden soll) kommen.
Der Epiphänomenalismus, so scheint es, kann nicht alles gleichzeitig haben. Vertritt er die Auffassung, dass nur ein starker kausaler Realismus adäquate hinreichende Bedingungen für das Vorliegen von Kausalität liefert, … kann er … weder die Möglichkeit physikalisch-mentaler Verursachung erklären noch kann er … den von ihm postulierten ‚kausalen Sackgassen’ Sinn abgewinnen. Vertritt er hingegen eine schwächere Kausalitätskonzeption, … kann …“ er „… seine eigene Position überhaupt nicht mehr kohärent formulieren, weil sich mentale Ereignisse im Rahmen einer schwächeren Kausalitätskonzeption als kausal wirksam erweisen.“
(Seiten 20/21)

Touché! Und die Moral von der Geschicht: Trau dem Epiphänomenalismus nicht!

Und das bereits von Gadenne bekannte philosophische Geschwafel über verschiedene „Kausalitätskonzeptionen“ (man erinnere sich an die unsegliche „abgeleitete Kausalität“), das bei Walter in der Formulierung –

„… schwächere Kausalitätskonzeption, wonach bereits geeignete nomologische, kontrafaktische oder explanatorische Zusammenhänge usw. ausreichen …“ (Seite 20)

– kulminiert, sollte ganz schnell vergessen werden. Es gibt keine „Kausalitätskonzeptionen“, keine „stark realistische“ und keine „schwächere“, die mit zumeist falschen philosophischen Argumenten konstruiert werden könnten, sondern nur ganz ordinäre Kausalität und die ist der physikalischen Welt vorbehalten.

Es bleibt der Verweis auf Fechners Identitätsansicht. Das angeblich kausal verursachte Bewusstsein entpuppt sich als das mit bestimmten zerebralen Funktionen einhergehende subjektive Erleben. Walter geht auf diese Position nicht ein, obwohl er sie sicherlich kennen dürfte. Dies würde ihm nämlich die Gelegenheit rauben, eine angebliche Verbesserung („bessere Wahl“) des Epiphänomenalismus vorzustellen.

Walter's eierlegende Wollmilchsau:

„(3) Jedes mentale Ereignis hat als Ursache eine Menge von physikalischen Ereignissen. [Abhängigkeit]“ (Seite 21)

„Angenommen, man ersetzte (3) durch eine These nicht-kausaler Abhängigkeit:
(3*) Jedes mentale Ereignis ist realisiert durch eine Menge von physikalischen Ereignissen. [Abhängigkeit]
Eine Variante des Epiphänomenalismus, die (3) durch (3*) ersetzt, würde sich zwar immer noch auf einen starken kausalen Realismus verpflichten … . Allerdings müsste er nur noch für physikalisch-physikalische Verursachung angenommen werden und nicht mehr für physikalisch-mentale. Zwar bestünde nach wie vor eine unidirektionale Abhängigkeit des Mentalen vom Physikalischen, da die Realisierungsrelation jedoch keine Kausalrelation ist, wäre der Epiphänomenalismus auch nicht mehr auf die Verletzung irgendwelcher Energie- oder Impulserhaltungssätze festgelegt.“
(Seite 22)

Walters grandioser Einfall besteht also darin, die Formulierung „hat als Ursache“ mit „ist realisiert durch“ und „Kausalrelation“ durch „Realisierungsrelation“ zu ersetzen. Wirklich originell. Und wie geht das nun mit der Realisierung mentaler Ereignisse?

„Neurophysiologische Ereignisse können mentale Ereignisse zwar nicht verursachen, aber sie können sie hervorbringen, indem sie ihre neurophysiologischen Realisierer verursachen.“ (Seiten 22/23)

??? Hat man Töne? Wenn man sich allen Ernstes auf diesen Circulus vitiosus einließe, könnte man ergänzen:
Und diese „neurophysiologischen Realisierer“ sind ja ihrerseits immer noch irgendetwas undefiniertes Neurophysiologisches, realisieren also bestimmt nichts Mentales, sondern, um sich ihre Illusion zu erhalten, am besten – na was wohl? – wiederum „neurophysiologische Realisierer“ und so weiter und so fort bis in alle Ewigkeit. Amen.


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